Billiges Schweinefleisch – Ferkeltöten inklusive

Jedes Kotelett hatte einmal Augen

„Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft“. Diesen Spruch verbreiten ausgerechnet die Werbestrategen eines der führenden Wurstunternehmen Deutschlands, das neuerdings auch auf vegetarische Produkte setzt. Angeblich werde es bald ebenso verpönt sein, Wurst und Fleisch zu essen, wie heute schon zu rauchen. Auch wenn der Fleischkonsum in Deutschland etwas rückläufig ist, essen die Deutschen immer noch für ihr Leben gern Fleisch, am liebsten vom Schwein. Doch jedes Kotelett hatte einmal Augen. Kaum ein Verbraucher aber hat je gesehen, wie das Tier gelebt hat, bevor es auf dem Teller landet.

Schweineproduktion – effizient und technisiert

Rund 60 Millionen Schweine werden jedes Jahr in Deutschland geboren, gemästet und dann geschlachtet. Die meisten Tiere werden von Landwirten in geschlossenen Stallsystemen gehalten, getrennt nach Sauenzucht, Ferkelproduktion sowie Aufzucht der Jung- und Mastschweine. Alles ist genau getaktet und technisiert. Im „Deckzentrum“ werden Sauen gleichzeitig künstlich besamt. Eber, also männliche geschlechtsreife Schweine, sind in vielen Ställen nur dazu da, rauschende, also paarungsbereite Sauen, zu erkennen. Nach etwa 115 Tagen werfen Sauen ihre Ferkel im „Abferkelzentrum“.

Ein Schweineleben

Tierschützer und Landwirte streiten bei der Schweinehaltung sehr intensiv darum, wie artgerecht die Tiere gehalten werden müssen. Warum leben Schweine auf Vollspaltenböden, in denen sie nicht mit ihrem Rüssel wühlen können? Warum müssen Sauen zeitweise in sogenannte Kastenstände, gerade mal 70 Zentimeter breite Gitterboxen, gesperrt werden? Wieso werden männliche Ferkel bisher ohne Betäubung kastriert? Warum wird ihnen in den ersten Tagen der Ringelschwanz abgeschnitten? Warum sehen viele Schweine in ihrem ganzen Leben nie Tageslicht?

Die Bilder, die aus der Werbung bekannt sind, haben bekanntlich nicht so viel oder gar nichts mit dem zu tun, wie die Tierhaltung tatsächlich aussieht.
Thorsten Riggert, Ferkelerzeuger

Seit Jahren wollen Öko- und Tierschutzverbände höhere Tierschutzstandards in der Schweinehaltung mit eigenen Labeln etablieren. Der jüngste Versuch ist das „Tierschutzlabel“ des Deutschen Tierschutzbundes. Gemeinsam mit dem Schlachtunternehmen Vion und Partnern im Lebensmitteleinzelhandel hat der größte deutsche Tierschutzverband Kriterien für eine artgerechtere Schweineaufzucht entwickelt. Ein wissenschaftlicher Beirat hat das zweistufige Konzept mit Einstiegs- und Premiumstufe geprüft und abgesegnet. Doch bis heute konnte sich das gut gemeinte und von der Bundesregierung geförderte Projekt nicht am Markt durchsetzen. Von anfänglich 13 Mästern arbeiten gerade noch vier Mäster im Projekt mit aktuell 300 Schweinen, die pro Woche geschlachtet werden. Das „Tierschutzlabel“ ist ein weiteres Beispiel, dass viele Verbraucher zwar mehr Tierschutz fordern, dafür aber offenbar nicht mehr bezahlen wollen.

 

Der heuchelnde Verbraucher

Seit Jahren beklagen Verbraucher zu wenig Tierschutz im Stall. Seit Jahren bleiben Labelprodukte wie Neuland, Bioland, Demeter mit höheren Tierschutzstandards Nischenprodukte. Viele Bauern sagen deshalb: Die angeblichen Wünsche nach mehr Tierwohl seien nur Gerede und nicht ernst zu nehmen. Dabei hat selbst der Agrarbeirat der Bundesregierung in seinem jüngsten großen Gutachten klar festgestellt, dass die derzeitig praktizierte Nutztierhaltung nicht zukunftsfähig sei. Der Lebensmitteleinzelhandel, allen voran Aldi Süd, macht Druck für mehr Tierschutz. Die Branchen-Initiative Tierwohl kommt dem Bundeslandwirtschaftsminister gelegen. So muss Christian Schmidt, CSU, keine Gesetze verschärfen, sich nicht mit den Bauern anlegen.

viele-Ferkel

Die Händler haben gemeinsam mit der Fleischwirtschaft, also großen Schlachtunternehmen wie Tönnies und Vion sowie dem Bauernverband, die sogenannte Initiative Tierwohl gegründet. Die Händler zahlen vier Cent pro verkauftes Kilogramm Schweinefleisch in einen Fonds. Aus dem bekommen Schweinehalter Geld, wenn sie mehr für Tierschutz in ihren Stall investieren – zum Beispiel mehr Platz anbieten, mehr Beschäftigungsmaterial zur Verfügung stellen, die Schweine nicht mehr kastrieren oder keine Schwänze abscheiden. Die Kriterien sind umstritten, weil viele von ihnen freiwillig sind und zu wenig aufeinander aufbauen. Dennoch halten auch einige Tierschutzverbände wie PROVIEH oder der Deutsche Tierschutzbund die Initiative Tierwohl für einen gangbaren Weg. Allerdings reicht das Geld aus dem Fonds bisher nur für die Hälfte der Bauern, die sich für das Projekt angemeldet hatten. Die Verhandlungen über eine Aufstockung der Mittel laufen derzeit noch.

 

Der Fall Straathof

Zurzeit schaut die Schweinebranche gebannt nach Magdeburg. Vor dem dortigen Verwaltungsgericht wird ein Tierhaltungsverbot gegen den größten Ferkelproduzenten Europas verhandelt. Adrianus Straathof hat über Deutschland verteilt ein riesiges Schweineimperium aufgebaut. Nach eigenen Angaben produzierte er in der Vergangenheit bis zu 1,5 Millionen Ferkel im Jahr. Doch Behörden werfen ihm schwere Tierschutzverstöße vor. Straathof habe sich nicht ausreichend um seine Tiere gekümmert. Er habe geduldet, dass in seinen Anlagen Schweinen anhaltend und über längere Zeit Leiden und Schmerzen zugefügt worden seien. Die konkreten Vorwürfe unter anderem: unbehandelte Verletzungen und Erkrankungen, unzureichende Wasserversorgung, außerdem Qualzucht. Der Landrat des Landkreises Jerichower Land hat deshalb ein Tierhaltungsverbot ausgesprochen.

Gegen das Berufsverbot wehrt sich Straathof vor Gericht. Er weist die Anschuldigungen von sich und behauptet, in seiner Firma sei immer alles nach Recht und Gesetz gelaufen. Fest steht, dass Straathof 800.000 Euro Bußgelder gezahlt hat. Das Verwaltungsgericht hatte in einer Eilentscheidung das Tierhaltungsverbot bestätigt. Das Oberverwaltungsgericht hat diese Eilentscheidung zurückgenommen. Nun muss eine Hauptverhandlung ein Ergebnis bringen. Der Streit kann Jahre dauern. Inzwischen ist Straathof als Geschäftsführer zurückgetreten, hat seine Anteile am Unternehmen an Treuhänder übergeben. Das Schweineimperium aber wächst weiter. Im brandenburgischen Wadelsdorf haben Behörden eine neue Tierfabrik für die Gruppe genehmigt.

Ferkel totschlagen – aus wirtschaftlichen Gründen?

Höchst umstritten ist die Praxis, zu kleine und schwache Ferkel, sogenannte Kümmerlinge, noch im Stall ohne Betäubung totzuschlagen. Auch das war offenbar gängige Praxis in einigen Straathof-Ställen. Die folgenden Bilder sind für sensible Menschen schwer zu ertragen.

Die Tierschutzorganisaton Animal Rights Watch, ARIWA, ist bei vielen Landwirten verhasst. Die Aktivisten dringen in Ställe ein und dokumentieren, was sie dort vorfinden. Der Verein, in dem Vegetarier und Veganer engagiert sind, prägt mit seinen Bildern die öffentliche Debatte.

Es ist einfach nicht möglich, Tiere zu essen, ohne ihnen Leid anzutun … 
Jürgen Foß, Animal Rights Watch

Das Schweinesystem

Einige Probleme der Schweinehaltung sind unübersehbar und nur schwer in Einklang mit geltenden Tierschutzverordnungen zu bringen. Beispiel Kastenstände: Laut Gesetz soll jedes Schwein „ungehindert aufstehen, sich hinlegen (…) und in Seitenlage die Gliedmaßen austrecken“ können. In der Praxis dulden Behörden oft qualvolle Enge.

Schweine-Schlachthof-II

Beispiel Schwänze abschneiden: Laut EU-Verordnung Auslöser für „akute und (…) andauernde Schmerzen“. In deutschen Ställen ist das Schwänze kupieren fast überall üblich und offiziell genehmigt. Beispiel Ferkel totschlagen: Laut Tierschutzgesetz darf „niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Leiden, Schmerzen oder Schäden zufügen“. In der Produktionsrealität wird brutales Ferkeltöten aus wirtschaftlichen Gründen in manchen Fällen gar von Behörden gedeckt.

Wer essen will, muss schlachten können

Auch Schlachthäuser wurden heftig kritisiert. Der Vorwurf: Millionen Schweine seien bei lebendigem Leibe geschlachtet worden, die Betäubung mit CO2 sei unzureichend. Der Tönnies-Konzern hat darauf reagiert – sicher auch aus Eigennutz. Die Firma will mit Schweinen Geld verdienen, sich nicht dauernd rechtfertigen müssen.

Jeder muss selbst entscheiden, ob und wie viel Fleisch er essen möchte. Doch wer nicht darauf verzichten will, sollte zumindest wissen, wie das Schwein gelebt hat und wie es geschlachtet wurde – bevor es zum Kotelett wurde.