Billige Milch – und die Schlachtung trächtiger Hochleistungsrinder

Eine Kuh, ein Kalb, eine grüne Wiese: Die Werbung vermittelt ein idyllisches Bild von der Milchviehhaltung. Mit der Realität hat das aber nicht mehr viel zu tun, denn immer mehr Kühe bleiben immer länger im Stall. Die Kälbchen bleiben nicht länger als einen Tag bei der Mutter. Und wo sind eigentlich all die männlichen Rinder, die keine Milch geben? Ob Milch, Butter, Quark oder Joghurt – wer Milch konsumiert, bezahlt für eine Milchwirtschaft, in der die Leistung der Milchkühe zählt und die Landwirte unter immer stärkeren wirtschaftlichen Druck geraten. Aktuell ist der Milchpreis so niedrig wie seit Jahren nicht. Viele Milchviehhalter wissen, dass unter diesen Umständen einige Betriebe insolvent gehen werden. Wenn der Landwirt ums wirtschaftliche Überleben kämpft, welche Auswirkungen hat das auf das Wohl der Kühe?

Große strukturelle Unterschiede

In Deutschland leben insgesamt 12,7 Millionen Rinder, darunter 4,3 Millionen Milchkühe. Die Zahl der Milchviehbetriebe hat sich in den vergangenen 15 Jahren auf knapp 78.000 fast halbiert. Im Norden und Osten Deutschlands finden sich häufiger größere Betriebe mit 500 bis zu 3000 Milchkühen. Vor allem in Bayern dominiert eine kleinbäuerliche Struktur. Dort finden sich viele Ställe mit weniger als 30 Milchkühen.

Nur durch einen genau getakteten Produktionszyklus gibt eine Kuh zwischen 6000 und 12.000 Liter Milch im Jahr.

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Kurzes Leben für die Milch

Was viele nicht wissen: Etliche Milchkühe verbringen fast ihr ganzes Leben angebunden. Die sogenannte Anbindehaltung beziffert der Wissenschaftliche Agrarbeirat auf 27 Prozent des Milchviehbestandes, also mehr als eine Million Tiere in Deutschland. Wenige Wochen alte Kälber werden in der Regel ohne Betäubung enthornt. Das ist schmerzhaft für die Tiere, ähnlich wie das Abschneiden von Schwänzen bei den Schweinen oder das Kupieren von Schnäbeln bei den Hühnern. Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Milchkuh liegt bei etwa fünf Jahren. Dabei können Rinder in der Natur durchaus bis zu 20 Jahre alt werden. In der Regel führen Krankheiten oder Unfruchtbarkeit als Folge der Milcherzeugung dazu, dass Landwirte die Kühe zur Schlachtung geben.

Wertlose Stierkälber

Die deutschen Milchviehhalter setzen bei der Milchproduktion vor allem auf eine Rasse: die Holstein Friesian. Die schwarz-weiß gefleckte Kuh, auch Schwarzbunte genannt, wird vor allem in den großen Milchbetrieben eingesetzt. Das Problem dieser Zucht ist ähnlich wie bei den Legehennen. Weibliche Tiere sind für den Bauern wertvoll. Sie werden Milch geben. Die männlichen sind dagegen nutzloser Ballast. Sie setzen kaum Fleisch an. Die meisten Bauern verkaufen daher die männlichen Stierkälber an Viehhändler, die die Tiere wiederum an Kälbermäster, vor allem in den Niederlanden, weiterverkaufen. Manchmal sind die Tiere beim Verkauf keine 15 Euro wert, quasi Ramschware.

Werden die Kälber kurz nach der Geburt krank, machen die Landwirte schnell Verluste. Denn der Einsatz eines Tierarztes kostet in der Regel mindestens 30 Euro und mehr. Der Verdacht: Einige Landwirte würden männliche Stierkälber eher sterben lassen, da sie nicht von Nutzen sind. Diesen Verdacht erhärten Daten des Landeskontrollverbandes Schleswig-Holstein. Laut Züchterverband liegen die Kälberverluste bei männlichen Nachkommen deutlich höher. So beträgt beispielsweise bei der Schwarzbunten die Verlustrate an männlichen Kälbern 3,8 Prozent, an weiblichen nur 1,7 Prozent.

Schlachtung trächtiger Rinder

Kühe müssen dauernd trächtig sein. Nur wenn sie Kälber gebären, geben sie auch Milch. Stimmt die Milchleistung nicht, werden sie aussortiert – mit teilweise dramatischen Folgen. So kommen auch schwangere, sogenannte gravide Rinder, zum Schlachthof. Trächtigkeitskontrollen sind vom Gesetz nicht vorgeschrieben – mit brutalen Folgen für das ungeborene Leben. Denn sobald die Mutter mit einem Bolzenschuss betäubt wird und ausblutet, erstickt das ungeborene Kalb qualvoll. Der Vorgang kann durchaus 20 Minuten dauern. Schon 2011 veröffentlichte die Universität Leipzig eine Studie zur Schlachtung gravider Rinder. Mit erschreckenden Ergebnissen: „Die Untersuchungen haben (…) gezeigt, dass bis zu 10 Prozent der weiblichen Rinder (…) tragend der Schlachtung zugeführt werden.“ Das entspricht 180.000 Tieren – jedes Jahr. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU, hat angekündigt, gegen die Schlachtung gravider Rinder vorzugehen. Allerdings ist noch offen, wie und wann das geschehen soll.

Preise fallen – Insolvenzen drohen

Im Frühjahr 2015 wurde die Milchquote abgeschafft. Seitdem kann jeder Bauer so viel Milch produzieren wie seine Kühe hergeben. Die Folge sind Überproduktion und Preisverfall. Manche Bauern bekommen weniger als 28 Cent pro Liter von ihrer Molkerei. Ein Preiskampf ist entbrannt, in dem nur die sich behaupten können, die groß genug sind und wirtschaftlich arbeiten.

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Für viele Experten steht fest: Bald werden Milchviehbetriebe Insolvenz anmelden müssen. Denn für die meisten Betriebe gilt: Sie brauchen 33 bis 34 Cent für einen Liter Milch, um die Kosten zu decken. Gerade haben die Discounter wieder die Preise für Butter gesenkt. Der harte Wettbewerb im Einzelhandel, aber auch weltweite Entwicklungen wie die Sanktionen gegen Russland und eine nachlassende Nachfrage aus China setzen den Milchpreis unter Druck.

Milchpreis

 

Der ökonomische Druck ist enorm, gerade in Zeiten, wo der Milchpreis so niedrig ist.
Christian Karp, Milchviehhalter

Tierwohl kostet

Der Wissenschaftliche Agrarbeirat hält die Nutztierhaltung in Deutschland für nicht zukunftsfähig. Er fordert von der Bundesregierung die Verbesserung gesetzlicher Mindeststandards, die Kopplung von Transferleistungen (EU-Mittel) an Tierwohlrichtlinien sowie die Etablierung eines staatlichen Tierschutzlabels. Die Kosten für alle Maßnahmen zusammen beziffert der Agrarbeirat auf drei bis fünf Milliarden Euro. Das entspreche einer Erhöhung der Verbraucherausgaben für Lebensmittel von gerade mal drei bis sechs Prozent.

Zu wenig Platz, zu wenig Beschäftigungsmaterialien, zu wenig wechselnde Klimaeinflüsse. Das ist keine zukunftsfähige Tierhaltung.
Prof. Harald Grethe, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung

Wie heißt es so einfach und klar im Tierschutzgesetz Paragraf 1: “Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Bauern und Politik müssen endlich einlösen, was seit Jahren Gesetz ist. Da helfen keine warmen Worte, sondern nur scharfe Kontrollen, deutlich mehr Geld und Verbraucher, die nicht nur Tierschutz fordern, sondern an der Ladentheke auch handeln.