Frauen im Sportjournalismus – letzte Trutzburg der Chauvis?

Sportjournalistin Claudia Neumann

„Eine Frau, die 90 Minuten über Fußball referiert, scheint halt den einen oder anderen Mann zu überfordern.“

Eine so große Welle in den sozialen Netzwerken hat es wegen eines Kommentars zu einem Fußballspiel lange nicht gegeben. Ja, sicher, Besserwisser, die Beschimpfungen äußern und Menschen, die Hass-Seiten bei Facebook anlegen, weil ihnen ein Kommentator nicht gefällt, das ist leider Alltag. Als Claudia Neumann aber während der Fußball-EM in Frankreich 2016 zwei Spiele kommentierte, da war plötzlich die Hölle los.

Es ging in den Kommentaren gar nicht um die Qualität des Kommentars von Claudia Neumann, sondern um die Tatsache, dass sie eine Frau ist – und Frauen haben im Männer-Fußball offenbar nichts zu suchen.

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Eine kleine Auswahl der Reaktionen: „Wieso kommentiert das Spiel eine Frau?“, „Seid Ihr behindert? Wieder eine Frau als Kommentator – ich schlafe ein. Ihr verkackt alles.“ und „Mit dieser Frau als Kommentator ist es wie mit den Dementoren bei Harry Potter. Man hat das Gefühl, man kann nie wieder glücklich werden“.

Claudia Neumann selbst ging mit dieser massiven Kritik an ihr als Frau gelassen um. Ganz unerwartet kam sie für sie auch nicht.

Fußball sei darüber hinaus etwas Besonderes in Deutschland, meint Claudia Neumann, nämlich ein „gesellschaftliches Gedankengut“. Fast jeder wisse dabei am Ende alles besser. Sie selbst habe sich als Frau im Sportjournalismus nie benachteiligt gefühlt, betont Claudia Neumann, weder gegenüber Kollegen, noch durch Vorgesetzte. Das sei aber auch eine Typ-Frage und nicht bei allen Frauen gleich. „Wenn man so exponiert im Sport, im Fußball, im Fernsehen arbeitet, dann muss man auch ein bisschen was einstecken können.“

Wenn jemand per se die Frauenstimme bei Fußball-Kommentaren ablehnt, ist eine neutrale Beurteilung kaum möglich.
Claudia Neumann

Für die Zukunft geht Claudia Neumann davon aus, dass es mehr weibliche Journalisten geben wird, die über Sport berichten – inklusive Frauen, die Männer-Fußballspiele kommentieren.

Claudia Neumann glaubt nicht, dass eine Quote im Sportjournalismus sinnvoll wäre. Sie kenne keine Frau, die eine Position nur aufgrund der gesellschaftlichen Diskussion und nicht wegen ihrer Qualifikation erhalten wollen. Und sie macht derweil einfach weiter ihren Job.

 

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