Sexismus

Schnee von gestern?

Alles gleich – Alles gut?

Die häufigste Reaktion, wenn man über Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau redet, das Wort Sexismus in den Mund nimmt oder – noch schlimmer – das Wort Feminismus: Augenrollen. „Gleichberechtigung haben wir doch schon längst – ich weiß gar nicht, was Du willst.“

Ja, es hat sich viel geändert, wenn man Deutschland in den 2010er Jahren mit Deutschland Anfang des letzten Jahrhunderts vergleicht. Frauen dürfen arbeiten gehen, ohne die Erlaubnis ihres Mannes einzuholen, es gibt die Elternzeitregelung und wir haben eine Bundeskanzlerin. Aber zeitgleich verdienen Frauen noch immer weniger als Männer mit gleicher Qualifikation. Unseren Kindern vermitteln wir mit rosa und (hell-)blauem Spielzeug und Kleidung schon ganz früh, dass sie zu einer bestimmten Gruppe gehören und einem Mann, der gerne Teilzeit arbeiten würde, um sich um die Kinder zu kümmern, wird deutlich gemacht, dass das nur möglich ist, wenn er seine berufliche Karriere beenden will. Also doch keine Gleichberechtigung in Sicht?

Medienberaterin und Feministin Anne Wizorek

„Die vorherrschenden Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen zu sein haben, sind immer noch sehr stark: Geschlechterstereotype bestimmen unseren Alltag.“

 

Anne Wizorek – moderne Off- und Online-Feministin

Spätestens, wenn es um die Übergriffe während der Silvesternacht 2015, die Quotenregelung, Vorfälle in verschiedenen Parteien oder den neu gewählten US-Präsidenten geht, ist Sexismus wieder ein heißes Thema, das heftig diskutiert wird. Angefangen hat diese erneute Diskussion in Deutschland 2013.

Nicht nur der Artikel „Der Herrenwitz“ im „Stern“, in dem die Autorin Laura Himmelreich dem FDP-Politiker Rainer Brüderle Sexismus vorwarf, holte das Thema wieder aus der Mottenkiste. Die Feministin Anne Wizorek initiierte damals auch den Hashtag #aufschrei bei Twitter. Er hat im Internet eine große Debatte über Alltagssexismus losgetreten.

Obwohl die Twitter-Aktion nachts stattfand, hat Anne Wizoreks Hashtag einen Schneeballeffekt ausgelöst. „Wir schreiben von dummen Anmachsprüchen, Grabschereien, Nötigungen, Vergewaltigungen. Die vielen „kleinen“ alltäglichen Herabwürdigungen, auch Mikro-Aggressionen genannt, sind genauso Thema wie konkrete Überschreitungen von körperlichen Grenzen“, erzählt Anne Wizorek in ihrem Buch „Weil ein #aufschrei nicht reicht“ (2014). Sie habe es sehr bewegt, dass so viele Frauen den Mut hatten, mitzumachen, sagt sie.

#aufschrei

#Aufschrei hat dazu geführt, dass das Thema Sexismus rund 40 Jahre nach Alice Schwarzers Buch „Der kleine Unterschied“ (1975), wieder diskutiert wurde. Das Buch hat die Autorin als die bekannteste Vertreterin der Frauenbewegung in Deutschland etabliert. Diese erneute Diskussion fand nicht nur im Internet statt, sondern auch in der „Offline-Welt“, also in Talkshows, Print-Medien und der Politik, und sie wird weiter fortgesetzt. Der Hashtag wurde 2013 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet.

 

Sexismus (-vorwürfe) überall

Diese Diskussionen wurde 2016 zum Thema Sexismus geführt – ein kleiner Überblick:

  • Sportjournalistin und Kommentatorin Claudia Neumann (ZDF) wurde anlässlich der Fußball-EM im Juni 2016 massiv angegriffen, als sie als erste Frau während einer EM zwei Spiele kommentierte. Hauptsächlich bezogen sich die Vorwürfe auf ihr Geschlecht: „Wie kann man eine Frau Männerfußball kommentieren lassen?“
  • Musikerin, YouTuberin und Produzentin Marie Meimberg warf der deutschen YouTube-Szene in einem Artikel von „Vice“ (Juli 2016) vor, Geschlechterbilder aus dem vorletzten Jahrhundert zu vertreten. Der Vorwurf wurde angesichts der „Video Days“ in Köln im August von anderen Medien aufgegriffen.
  • Die Neuverfilmung von „Ghostbusters“ (Juli 2016) wurde in den Hauptrollen mit vier Frauen besetzt. Mit Veröffentlichung des Trailers wurde das heftig in den sozialen Netzwerken kritisiert – der Film sei nur für „Feminazis“ gemacht, hieß es und „Sagt nein zu Political Correctness“.
  • Comedian und Kabarettistin Carolin Kebekus machte im Interview mit „Vice“ (September 2016) deutlich, dass sie keine Lust mehr habe, „für eine Frau sehr, sehr lustig“ zu sein – die Comedy-Branche sei sexistisch, sagte sie.
  • Die Berliner CDU-Politikerin Jenna Berends schrieb im Online-Magazin „Edition F“ (September 2016) einen öffentlichen Brief, in dem sie Parteikollegen sexistische Äußerungen vorwarf und Frauen fehlenden Zusammenhalt. CDU-Generalsekretär Peter Tauber bestätigte sexistisches Verhalten in seiner Partei.
  • Während des Wahlkampfes in den USA wurde im Oktober 2016 ein Video publiziert, in dem der Kandidat der Republikaner, Donald Trump, sich sexistisch über Frauen äußerte. Mehrere Frauen warfen Trump daraufhin vor, sie sexuell belästigt zu haben.

 

Jeder kann Feminist sein!

Anne Wizorek bezeichnet sich ganz bewusst als Feministin, obwohl auch sie länger gebraucht hat, sich selbst so zu sehen. Für sie sind Feministen – und das können durchaus auch Männer sein – Menschen mit Idealen, die den Wunsch haben, die Gesellschaft so zu verändern, dass alle unabhängig von stereotypen Erwartungen leben können. Das habe positive Auswirkungen auf Frauen und auf Männer, betont sie. Es sei ein Problem, das alle beträfe.

Von Feminist_innen selber hatte ich trotzdem jahrelang ein eher schräges Bild. Wenn ich die Worte hörte, schwangen unterbewusst immer diese Bilder von wütenden Männerhasserinnen mit, obwohl ich nicht mal genau wusste, woher sie stammten.
Anne Wizorek

Die typischen Klischeevorstellungen, mit denen sich Feministinnen immer wieder konfrontiert sehen, sieht sie als Teil des Sexismus an, denn es gehe immer wieder um Äußerlichkeiten und nie um die Inhalte. Das bekannteste Beispiel für Sexismus sei an der Spitze des Landes zu finden: Bundeskanzlerin Angela Merkel wird sogar in ihrer eigenen Partei als Mutti bezeichnet – eine ähnliche Bezeichnung gab es für einen Bundeskanzler noch nie.

 

Sozialpsychologin Julia Becker

„In Umfragen habe ich immer wieder beobachtet, dass auch Frauen sexistischen Einstellungen zustimmen, und das hat mich so fasziniert, dass ich der Ursache in meiner Promotion auf den Grund gehen wollte.“

Was aber ist eigentlich Sexismus?

Auch in der Geschlechterdebatte nach dem #aufschrei ist der Begriff Sexismus nicht immer einheitlich verwendet oder verstanden worden. Laut aktuellen wissenschaftlichen Definitionen ist Sexismus die Benachteiligung eines Menschen aufgrund seines Geschlechts. Dabei geht es immer darum, den ungleichen gesellschaftlichen Status von Männern und Frauen aufrecht zu erhalten.

Die Sozialpsychologin Julia Becker von der Uni Osnabrück forscht schon seit Jahren zum Thema und unterteilt Sexismus noch einmal – nämlich in feindlichen (hostilen) und wohlwollenden (benevolenten) Sexismus.

Wo aber ist die Grenze von Sexismus? Denn wenn man(n) sich so verhält, wie man es ihm beigebracht hat und es als gesellschaftlich höflich angesehen wird, könnte man ja ganz schnell ins Sexismus-Fettnäpfchen treten?

Nein, sagt Julia Becker, sexistisch sei ein Verhalten nur dann, wenn man sich gegenüber der anderen Person herablassend verhalte, weil man davon ausgehe, dass sie etwas aufgrund des Geschlechts nicht könne. „Lass mich mal schnell für dich das Computerprogramm installieren“, zum Beispiel. Einer Frau die Tür aufzuhalten hingegen, dürfte in den meisten Fällen als Höflichkeit gelten. Fühle man sich sexistisch behandelt, sollte man sich aber auf jeden Fall wehren, sagt Julia Becker.

 

Selbst daran Schuld? Frauen, Männer und Sexismus

Wie kommt es denn, dass in der heutigen Zeit, in einem scheinbar hochentwickelten Land, Männer und Frauen noch unterschiedlich behandelt werden? Dass sich Frauen aber auch häufig gar nicht wehren oder eine Ungleichbehandlung als solche gar nicht wahrnehmen? Unterstützen sie durch ihr Verhalten sogar bestimmte gesellschaftliche Strukturen, die es schon seit Jahrhunderten gibt? Stichworte wären hier: Frauen=schwach und beschützenswert – Männer=stark und durchsetzungsfähig. Klar, meint Anne Wizorek. Zunächst einmal müsse sich jeder an die eigene Nase fassen.

Sexismus gegenüber Frauen sei ein strukturelles Problem, sagt Anne Wizorek. Das heiße aber nicht, dass Männer nicht auch darunter leiden könnten. Denn solange die Gesellschaft den Geschlechtern verschiedene Attribute zuordne und bestimmte Verhaltensweisen erwarte, scheiterten alle diejenigen innerhalb dieses „Norm-Modells“, die sich nicht ganz konform verhielten.

Ein weißer, heterosexueller Mann ohne Behinderung hat (…) die besten Voraussetzungen, um diskriminierungsfrei durchs Leben zu gehen, da er aus Sicht des Patriachats die menschliche Norm darstellt.
Anne Wizorek

 

Der Gender Pay Gap  – ein Geschlechterkorsett

2015 waren 74 Prozent der deutschen Frauen berufstätig – 1992 waren es erst 57

Gleiches Geld für gleiche Arbeit? Pustekuchen! In Deutschland verdienen Männer noch immer 21 Prozent mehr als Frauen, so das Statistische Bundesamt (im Westen 23, im Osten acht Prozent). Der so genannte Gender Pay Gap unterscheidet sich zwar nach Branchen, aber laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD) ist der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen in Deutschland der größte in Europa.

Quelle: Verdienststrukturerhebung 2006

Quelle: Verdienststrukturerhebung 2006

Anteil aller in Teilzeit arbeitenden Frauen in Deutschland von 1991 bis 2015

In den letzten zehn Jahren hat sich daran auch kaum etwas geändert. 2006 lag der Einkommensunterschied bei 23 Prozent, 2015 bei 21. Woran das liegt? An der Wahl des Berufes, dem Verhandlungsgeschick oder den Gesetzen? Anne Wizorek glaubt vielmehr, dass das Problem in den Köpfen der Menschen selbst liegt.

Monatliche Altersrente 2015 für Neurentner (Euro im Durchschnitt)

 

Und was nun? – Wie es weitergehen könnte

Es sei wichtig, sagt Wizorek, dass die Debatte um Geschlechterdiskriminierung weitergeführt werde. 2016 habe man beispielsweise in der Diskussion um Sexismus in der Berliner CDU schon zugegeben, dass es ein Problem gebe. Drei Jahre zuvor sei das noch nicht der Fall gewesen. Also ein kleiner Schritt in die richtige Richtung für Anne Wizorek. Sie ruft dazu auf, die Errungenschaften zu feiern, die wir haben, dafür zu sorgen, dass sie uns nicht mehr genommen werden und dass die Entwicklung weitergeht. Es könne nicht sein, dass alle nachfolgenden Generationen immer wieder dieselben Debatten führen müssten.

Das Private ist politisch – dieser Satz gilt noch immer!
Anne Wizorek

Anne Wizorek macht allerdings auch klar, dass ihr Engagement und Aktivismus manchmal problematisch ist. Sie habe zwar dadurch „ganz tolle Menschen“ kennen gelernt, aber ihr würde vor allem im Netz durchaus auch Hass entgegenschlagen. Da aber vom Ignorieren noch nie Probleme verschwunden seien, müsse man sich auch mit dem Thema der freien Meinungsäußerung auseinandersetzen.

Hier weiterlesen:
Sexismus bei YouTube – Modernes Medium, alte Ansichten?
Frauen im Sportjournalismus

 

Mehr zum Thema Sexismus gibt’s in ZDFneo. „Wie sexistisch sind wir?“ haben sich Dunja Hayali und Jaafar Adbul Karim in einem zweiteiligen Social Factual gefragt. Auch in der Mediathek: http://sexismus.zdfneo.de