Das Attentat von Köln

Was eine Festplatte über den Täter verrät

Die Welt des Attentäters Frank S.

Vor einem Jahr stach Frank S. die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker nieder. Im Prozess behauptete er, ein „wertkonservativer Rebell“ zu sein, kein Nazi. Die Auswertung seiner Festplatte durch ein Team von Frontal 21 und dem Recherche-Netzwerk CORRECTIV legen ein anderes Bild nahe.

Es ist der 15. Juni 2011, ein Mittwoch, abends, kurz nach halb acht, als eine E-Mail im Postfach von Frank S. aufpoppt. Eine Auftragsbestätigung: „Vielen Dank. Ihre Bestellung ist bei uns eingegangen.“ Weiter unten steht der bestellte Artikel: ein Editionsmesser Rambo III mit Sylvester-Stallone-Signatur. Der Versand erfolge schnellstmöglich.

Mit diesem Rambo-Messer stach Frank.S die Kölner Oberbürgermeisterin nieder. (pa/dpa)

Mit diesem Rambo-Messer stach Frank.S die Kölner Oberbürgermeisterin nieder. (dpa)

Frank S. muss nun noch sein Alter verifizieren, scheinbar klappt etwas mit dem System nicht. Noch am selben Abend schreibt er dem Online-Händler: „Aufwachen, ein Kunde hat eine kurze Frage!“. Keine Begrüßung, keine Vorstellung – ein gebrüllter Imperativ, der in einer virtuellen Welt implodiert. Wann denn das „Brotmesser“ bei ihm eintreffen werde, will er wissen. Das Editionsmesser Rambo III ist anderthalb Kilo schwer, die Edelstahlklinge 33 Zentimeter lang und kostet 139 Euro. Die Verharmlosung der Waffe beginnt schon, bevor er sie in den Händen hält. Dies wird sich im Prozess wiederholen.

Rambo

Rambo, der Filmheld, ist – so scheint es – das Idol von Frank S. Er hat sich online ein Rambo-Poster bestellt, er hat den Rambo-Soundtrack auf seinem Rechner gespeichert und ein Hintergrundbild für seinen Bildschirm. Die amerikanische Filmfigur Rambo ist ein einsamer Wolf, der, in die Enge gedrängt, zurückschlägt, der zum Killer wird, um sich zu verteidigen, der über Leichen geht, um Selbstjustiz zu üben, der glaubt, im Namen einer höheren Gerechtigkeit zu handeln.

Frank S. im Oberlandesgericht Düsseldorf im Juni 2016. (pa/dpa)

Frank S. im Oberlandesgericht Düsseldorf im Juni 2016. (Quelle: pa/dpa)

Viel spricht dafür, dass es eben dieses Rambo-Messer sein könnte, mit dem Frank S. gut vier Jahre später die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker niedersticht. Frank S., damals 44 Jahre alt, arbeitsloser Maler und Lackierer, 1,86 Meter groß, Spitzbart, kahlrasierter Schädel, muskulös – dieser Frank S. will ein Fanal setzen, verhindern, dass Deutschland von Flüchtlingen überrannt wird. Reker überlebt nur knapp. Es ist das gravierendste politische Attentat seit den Stichen auf Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble im Jahr 1990.

Die Festplatte – Ausschnitt eines digitalen Lebens

Als die Ermittler die Wohnung von Frank S. kurz nach der Tat durchsuchen, sind die Festplatten seines Computers ausgebaut. Frank S. hat sie wohl beschädigt. Die Platte ist offenbar kaputt, für gewöhnliche Computer nicht lesbar. Hat Frank S. sie absichtlich beschädigt, um zu verhindern, dass die Ermittler Beweismaterial entdecken? Während seiner Vernehmungen soll er gesagt haben, „alles zerstört“ zu haben, die Polizei werde „nichts finden“.

Jetzt aber kommt doch noch an die Öffentlichkeit, was Frank S. verbergen wollte. Denn eine Festplatte konnte wiederhergestellt werden. Rechercheure von Frontal 21 und CORRECTIV haben eine Kopie ausgewertet.

Symbolbild: Festplatte

Festplatte (Symbolbild)

Mit der Analyse-Software „Nuix“, die auch von Ermittlungsbehörden und Geheimdiensten eingesetzt wird, wurden die Daten über Monate untersucht. Allem Anschein nach wurde die Festplatte von Frank S. vor allem für Backups benutzt. Sie enthält mehrere hundert Gigabyte Daten, einen Ausschnitt aus seinem digitalen Leben – bis in das Jahr 2012 hinein.

Wir erhalten Einblick, welche E-Mails Frank S. abgeschickt hat, welche Musik er gehört hat, welche privaten Fotos ihm besonders wichtig waren, welche Artikel er aufgerufen hat. Aus diesen digitalen Spuren ergibt sich das Bild eines Mannes, für den Radikales zur Normalität wurde. Es entsteht der Eindruck, Frank S. wurde immer mehr zu einem Rambo, der glaubte, das Gesetz in die eigene Hand nehmen zu müssen.

Frank S. – ein politischer Attentäter

In Köln steht im Herbst 2015 die Wahl um das Amt des Oberbürgermeisters an. Die Parteien in der viertgrößten Stadt der Bundesrepublik sind zerstritten, fast eine Tradition. Die Christdemokraten stellen nach mühsamen Diskussionen fest, dass sie keinen geeigneten Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl vorweisen können. Die Grünen schlagen Henriette Reker als ihre Kandidatin für die Wahl vor. Seit 2010 ist die Politikerin in der Stadt Köln Sozialdezernentin, auch Integration und Umwelt fallen in ihren Bereich.

Am 18. Oktober 2015 steht die Oberbürgermeisterwahl an, die Wahlplakate der Kandidatin Henriette Reker hängen überall. (Quelle: imago)

Wahlplakate der Kandidatin Henriette Reger im Herbst 2015. (Quelle: imago)

Reker tritt schließlich als parteilose Kandidatin an, sie kann sich jedoch der Unterstützung der Grünen, der CDU und der FDP sicher sein. Auf dem Grünen-Parteitag sagt sie als Kandidatin im April 2015, dass sie eine Gesellschaft wolle, welche die Unterschiedlichkeiten der Menschen aufnehme und Gemeinsamkeiten betone. Kurz vor der Wahl hängen die Plakate von Henriette Reker überall in der Stadt. Auch in der Straße von Frank S., so wurde sie zu seiner Zielscheibe. Als Frank S. das Rambo–Messer zieht, hat Frau Reker keine Chance. Der Angriff kommt überraschend.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang sind keine lebensbedrohlichen Attentate auf Politiker in Deutschland verübt worden. Auf einer Wahlveranstaltung in Köln am 25. April 1990 sieht Oskar Lafontaine eine Frau mit Blumen und einem Poesie-Album auf sich zukommen, dann sticht sie dem SPD-Kandidaten mit einem Fleischermesser in den Hals. Ein halbes Jahr später, am 12.Oktober 1990, schießt ein Mann am Ende einer Veranstaltung in Oppenau aus nächster Nähe auf Wolfgang Schäuble. Beide überleben, doch nichts ist mehr wie es vorher war. Lafontaine ist psychisch gezeichnet, Schäuble sitzt im Rollstuhl. Seitdem gab es immer wieder Angriffe auf Politiker.

Im Jahr 2002 schlägt an einem Wahlstand ein Rechtsradikaler dem Grünen-Politiker Christian Ströbele eine Eisenstange auf den Kopf. Petra Pau von den Linken erhält im Jahr 2014 Morddrohungen, nachdem sie sich für eine Flüchtlingsunterkunft in ihrem Wahlkreis in Berlin einsetzte. Der ehrenamtliche Bürgermeister von Tröglitz (Sachsen-Anhalt) tritt 2015 zurück, als Rechte vor seinem Haus demonstrieren wollen. Erst vor kurzem schlagen Unbekannte den Bürgermeister in Oersdorf (Schleswig-Holstein) heimtückisch nieder, vermutlich weil er eine Unterkunft für Flüchtlinge zur Verfügung stellen will.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) positioniert sich öffentlich gegen rechtsradikales Gedankengut und wird dafür angefeindet. Er selbst sieht sich gut geschützt vor Übergriffen, weist aber auf Politiker in Städten und Gemeinden hin, um die man sich Sorgen machen müsse.

Unsere Demokratie lebt von den Tausenden Menschen, die sich ehrenamtlich vor Ort engagieren. Der Oberbürgermeisterin in Zwickau werden Zuhause auch schon mal die Scheiben eingeworfen. Die zeigt wirklich Courage, in dem sie sich nicht einschüchtern lässt.
Heiko Maas, SPD, Bundesjustizminister

Seit diesem Jahr werden Angriffe auf Amts- und Mandatsträger in den Statistiken der Polizei erfasst. Laut einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung zählte die Polizei bis zum 12. September 2016 813 politisch motivierte Straftaten.

 

Quelle: Bundeskriminalamt (Stichtag für das Jahr 2016: 04.10.2016)

 

Auch die Angriffe auf Asylunterkünfte sind in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, im Jahr 2015 etwa um das Fünffache des Vorjahres.

Die Tat

Am Morgen des 17. Oktober 2015 steht Frank S. früh auf, zum Frühstück trinkt er ein Kölsch. Die Wahlkampftermine von Henriette Reker hat er sich rausgesucht und auf einem Zettel notiert. Als er seine Wohnung in Köln-Nippes verlässt, hat er hinter sich aufgeräumt. Die Festplatte aus seinem Computer ist ausgebaut, seinem Vermieter hat er einen Eimer Nikotinfarbe hingestellt. Damit kann man vergilbte Wände streichen. Frank S. ist vorbereitet auf die Tat und die nachfolgenden Konsequenzen.

Er läuft durch das Altbau-Viertel in Köln-Nippes. An der Tankstelle kauft er sich kurz vor halb acht noch zwei Flaschen Bier, seine Ration Mut, um eine Frau niederstechen zu können. Dann steigt er in die Bahn und fährt zum Wochenmarkt in Köln-Braunsfeld.

Dort läuft er zunächst ziellos umher, überlegt aufzugeben, als er plötzlich Henriette Reker erkennt und auf sie zugeht – so schildert es Frank S. vor Gericht. Er bittet sie um eine Rose, dann zieht er das Rambo III-Messer aus der Lederscheide und sticht ihr in den Hals.

Etwa zehn Zentimeter tief dringt die Klinge ein, durchtrennt fast gänzlich die Luftröhre und wird erst vom zweiten Brustwirbelkörper aufgehalten. Reker geht zu Boden, presst sich den Finger in die Wunde, um die Blutung aufzuhalten. Auch Umstehende werden von Frank S. verletzt: Einer ehemaligen Lehrerin, die einschreitet, sticht der Täter mit einem zweiten Messer in den Unterleib. Ein Wahlkampfhelfer hält Frank S. mit einer Stange in Schach, drängt ihn weg. Das, was ein Zeuge später vor Gericht als „Blutrausch“ bezeichnet, ist vorbei. Frank S. wartet ruhig auf die Polizei und lässt sich widerstandslos festnehmen. Wie konnte es so weit kommen?

Digitale Spuren – Die Musik

Frank S. hört Musik. Aus den Browserverläufen, die CORRECTIV und Frontal 21 aus den Computerdaten nachzeichnen konnten, ergibt sich, dass er bei YouTube Jürgen Drews „Irgendwo“ oder Klaus Lage „Faust auf Faust“ aufruft.

Doch Frank S. hat auch eine Menge Musik-Dateien gespeichert. Darunter finden sich einschlägige Rechtsrock-Bands, etwa die Band „Division Germania“. Gitarren, Bass, Schlagzeug, dazu eine dunkle Reibeisenstimme – die Klänge sind schnell und rau, die Melodien einfach und eingängig. „Musik für Skinheads, der ganze neue Widerstand, Musik gegen roten Terror und die Scheiß-Kommunisten“, heißt es in dem indizierten Song „Division Germania“. Andreas Koroschetz hat das Projekt 2000 in Mönchengladbach gegründet. Fünf Jahre später tritt er als Kandidat für die NPD in Mönchengladbach an.

Aber Frank S. hört auch die in der rechten Szene beliebte Band Stahlgewitter. „Wir! Marschieren! Der Nationale Widerstand!“, ruft eine laute Menge am Beginn des Songs „Nationaler Widerstand“. Später heißt es: „Auch du wirst es noch kapieren, wenn wir demnächst mit 100.000 aufmarschieren.“ Der Sänger, Daniel Giese, steht im Jahr 2012 unter anderem wegen eines besonders perfiden Liedes vor Gericht. Es trägt den Titel „Dönerkiller“, darin auch folgende Zeilen: „Neunmal hat er es jetzt schon getan. Die SOKO Bosporus, sie schlägt Alarm. Die Ermittler stehen unter Strom. Eine blutige Spur und keiner stoppt das Phantom.“ Nimmt die Band darin, noch vor Bekanntwerden, Bezug auf die Mordserie des NSU? Die Staatsanwaltschaft vermutet einen Hinweis auf die Taten, konnte dies jedoch nicht belegen, das Verfahren endete mit einer Geldstrafe.

Frank S. hört auch die rechtsextreme Skinhead-Band „Commando Pernod“, Songs vom Album „Steh Auf“. Die Band hat sich in den 90ern aufgelöst. Der ehemalige Sänger Dominic Burzlaff spielte danach bei den „Enkelz“, einer Cover-Band der berühmten „Böhsen Onkelz“. Schnelle Schläge von Drums, verzerrter Sound von E-Gitarren. Frank S. hat den Ordner geöffnet, in dem die Lieder der Band gespeichert sind, der Windows Media Player ist ebenfalls offen. Er schreibt dann eine Nachricht, verabredet sich mit Mitspieler zum Online-Spiel. Darin heißt es: „Eine Legion marschiert zum Sieg und riecht nicht unterwegs an den Blümchen. 😉 [sic!] Sieg oder Tod.“

In der Musik, die Frank S. hört, wenn er am Rechner sitzt, geht es um Deutsche, die sich zusammen tun sollen, aufstehen, marschieren und sich wehren müssen, für das eigene Volk. Musik ist ein wichtiges Element in der rechten Szene. Es ist kein fader Flyer, den man einmal durchliest und wegwirft. Musik wird gelebt und die Botschaften können tausendfach wiedergehört werden. Musik prägt das Bild eines Menschen, seine Grundstimmung und seine Haltung zur Welt, möglicherweise auch die des Frank S..

Das Foto

Auf der Festplatte findet sich eine Collage. Sie zeigt einen riesigen Totenkopf mit Kapuze. Dieses Bild stammt von einem Künstler, offenbar ist das Bild bewusst verfremdet worden. Am unteren Rand des Bildes scheint der Schriftzug „Berserker“ hineinretuschiert worden zu sein, links und rechts eingerahmt von zwei Orden, auf denen Hakenkreuze prangen, eiserne Kreuze aus der Zeit des Nationalsozialismus, versehen mit der Jahreszahl 1939. Welche Bedeutung hat so eine Collage für Frank S., für sein Bild von sich und der Welt?

Frank S. hatte keinen leichten Start ins Leben. Seine leiblichen Eltern verlassen ihn, als er etwa vier Jahre alt war. Er wächst in einer Pflegefamilie auf, doch mit dem Pflegevater gibt es immer wieder Krach. Als Jugendlicher gerät Frank S. in rechtsextreme Kreise, trägt schwarze Springerstiefel, weiße Schnürsenkel, kurze Haare. Er hat Verbindungen zur FAP, der Freiheitlichen Arbeiterpartei. Der Verfassungsschutz urteilt, sie sei mit der NSDAP „wesensverwandt“.

Frank S. schlägt sich mit Ausländern. Die Ermittlungsbehörden haben damals ein Auge auf ihn. Sie vermuten, er sei einer der Köpfe hinter einer Bonner Skinhead-Gruppe, die sich den martialischen Namen „Berserker“ gegeben hat. Mindestens einmal soll die Gruppe gemeinsam mit Leuten von der rechtsextremen FAP in eine Schlägerei gegen die Antifa verwickelt gewesen sein. 1997 geht Frank S. für drei Jahre in den Knast.

Im Jahr 2000 wird Frank S. entlassen. Er zieht nach Köln um, fängt sich, arbeitet als Maler und Lackierer. Er fällt nicht mehr durch rechtsextreme Umtriebe auf, lässt die Vergangenheit ruhen. So zumindest wirkt es nach außen. Doch die Berserker und die rechtsextreme Szene haben Frank S. offenbar stark geprägt. Womöglich einer der wenigen Momente, in denen sich Frank S. in seinem Leben zugehörig fühlt. In altdeutscher Schrift lässt er sich den Namen der Skinhead-Gruppe auf den Bauch stechen. Fotos belegen, wie das Tattoo später um einen Totenkopf und gekreuzte Knochen anwächst. Vor diesem Hintergrund ist vielleicht auch die Collage mit den Orden zu verstehen. Die Berserker, für Frank S. die Helden, die nie ausgezeichnet wurden?

Frank S. ließ sich in altdeutscher Schrift "Berserker" auf den Bauch tätowieren.

Frank S. ließ sich in altdeutscher Schrift „Berserker“ auf den Bauch tätowieren.

Später im Prozess wird er sagen, er sei kein Nazi. Er sehe sich selbst als „wertkonservativer Rebell“.

Die Überweisung

Am 28. September 2013 gründet sich in Heidelberg die rechtsextreme Kleinpartei „Der III. Weg“. Erster Vorsitzender der Partei ist der ehemalige NPD-Funktionär Klaus Armstroff. Die Partei wird vom Verfassungsschutz in Bayern beobachtet.

Frank S. ist zu diesem Zeitpunkt arbeitslos, seit über einem Jahr. Bis zu seiner Tat wird er keinen neuen Job antreten. Davor arbeitet er bei verschiedenen Firmen in Köln, aber er hält es nirgends lange aus, eckt bei seinen Chefs an. Einer, schreibt Frank S. in einer E-Mail, führe ein „Terror-Regime“. Sogar mit den Mitarbeitern des Jobcenters in Köln streitet er sich, wird ihnen gegenüber ausfallend und aggressiv, wie vertrauliche Unterlagen belegen. Immer wieder bricht unvermittelt Aggression aus ihm heraus.

Frank S. lebt über seine Verhältnisse. Aus Dokumenten, die Frontal 21 und CORRECTIV einsehen konnten, geht hervor, dass er mehrere tausend Euro Schulden bis Oktober 2015 anhäuft. Monatlich erhält er etwa 773 Euro von der Arbeitsagentur. Dennoch überweist Frank S. am 5. November 2014 Geld an die ein Jahr zuvor gegründete rechtsextremistische Partei „Der III. Weg“. Es sind nur 15,50 Euro. Das ist eigentlich nicht viel, aber für ihn ist es mehr als die Hälfte seines Tagesbudgets. Aufkleber der Partei pappt er auf Wahlplakate in seiner Wohngegend. Es gibt allerdings keine Belege, dass „Der III. Weg“ etwas mit dem Attentat zu tun hat.

Attentäter Breivik in den Lesezeichen

Was liest Frank S.? Er surft auf der Website des Kopp-Verlags, ein Blog der Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretikern eine Heimat gibt. Auf „Altermedia“, dem 2016 verbotenen rechtsextremistischen Internet-Portal, liest er einen Artikel über einen Malergesellen, der von jugendlichen Ausländern ins Koma geprügelt wird. Dort heißt es: „Den Tätern droht nach Jugendstrafrecht eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren. Da es sich um Ausländer handelt, ist jedoch erfahrungsgemäß anzunehmen, dass die Strafe deutlich geringer ausfallen wird, …“.

Auch „Spiegel Online“ und andere gängige Medien-Websites besucht er regelmäßig – immer wieder tauchen Artikel zu Rechtsextremismus und Neonazis auf. Ein Aufmarsch von Neonazis in Dresden, bei dem Barrikaden in Flammen aufgingen, interessiert ihn oder welche Verbindungen es zwischen Islamkritikern und Rechtsextremen gibt.

Doch vor allem ein Text ist Frank S. offenbar so wichtig, dass er hat ihn unter den Lesezeichen seines Browsers ablegt. Es geht darin um den rechtsextremen Attentäter Anders Breivik und den Islam. Der norwegische Terrorist Anders Breivik tötete am 20. Juli 2011 insgesamt 77 Menschen in Oslo und auf der Insel Utøya, um Norwegen gegen den Islam und den „Kulturmarxismus“ zu verteidigen.

Breivik wuchs in problematischen Familienverhältnissen auf, überwiegend ohne Vater, später war er mehrere Jahre Mitglied einer rechtspopulistischen Partei. Er bereitete sich akribisch auf seine Tat vor, entmenschlichte mental seine Opfer, um sie töten zu können und nahm enthemmende Substanzen zu sich – so schildert er es vor Gericht. Er habe die Anhänger des Islams als Unterjocher Europas angesehen und die Eliten in Norwegen als deren Helfer.

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Der norwegische Attentäter Anders Breivik tötete im Juli 2011 insgesamt 77 Menschen. 2012 musste er sich dafür vor Gericht verantworten. (Quelle: dpa)

Frank S. ist nicht Breivik, und doch existieren Parallelen zwischen beiden Attentätern: in den Biographien, im Vorgehen bei der Tat und der politischen Motivation. Breivik gab zu Protokoll, er habe die Aufmerksamkeit der internationalen Medien sicherstellen wollen und daher so viele Menschen getötet. Frank S. gab im Prozess an, sich für das martialische Rambo III-Messer entschieden zu haben, um seiner Tat mehr Theatralik zu geben.

Die E-Mails

Frank S. hat offenbar nicht viele Freunde. Er lebt zurückgezogen, nicht mal seine Nachbarn kennen ihn. Die Einkäufe, die er im Jahr vor seiner Festnahme mit seiner Kreditkarte erledigt, liegen alle in nächster Umgebung seiner Wohnung. Als Fahnder seine Wohnung durchsuchen, finden sie nur seine eigenen Fingerabdrücke. Er erhält kaum private E-Mails. Zumeist landen irgendwelche Benachrichtigen in seinem Postfach: Support-Mails von Online-Spielen, Bestätigungen von Onlinehändlern.

Doch 2011 tritt eine alte Bekannte von Frank S. mit ihm wieder in Kontakt, nennen wir sie Beate. Sie gehen vertraut miteinander um, Frank S. bezeichnet sich ihr gegenüber als „deine Geheimwaffe“. Im Betreff des Mailverkehrs steht: „Blut ist Leben“.

In einer frühen Mail erzählt ihm Beate davon, dass ein Geliebter kürzlich getötet worden sei, nun sei sie alleine zu Hause. Frank S. antwortet darauf:

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Frank S. will Beate mit Kampfrhetorik aufmuntern: „Kopf hoch Soldatin Beate ,das Leben ist zu kurz um zu trauern jetzt wird wieder angegriffen ;-)“. In einer späteren Mail schreibt Frank S.: „Ich bin unter der Malern so etwas wie ein Profi-Killer für spezielle Aufträge ;-)“

Auffällig ist die düstere, von Gewalt getränkte Sprache, die Frank S. benutzt. In einer der Mails heißt es: „Kommt mir zwar vor, als hätte ich meine Seele dem Teufel verkauft, aber die hat er eh schon längst in seiner Sammlung.“ Eine Foto-Datei heißt Lord Evil, auf dem Bild ist Frank S. selbst zu sehen. Eine Nachricht in einem Online-Spiel unterschreibt er mit „Frank666“. Gefällt er sich in der Vorstellung, dass etwas diffuses Böses Teil seiner selbst ist?

An anderer Stelle schreibt er: „Man versucht nur hinzunehmen, was passiert ist und dann das zu tun, was nötig ist, um noch Schlimmeres zu vermeiden“. Es ist die Argumentation, mit der Frank S. später das Attentat auf Henriette Reker rechtfertigen wird. Das Schlimme, das ist eine in seinen Augen verfehlte Flüchtlingspolitik in Deutschland, gegen die müsse er sich zur Wehr setzen, offenbar mit allen Mitteln.

Die Online-Spiele

Dieser Hang zur Aggression bricht sich auch an anderer Stelle Bahn. Einen guten Teil seiner Zeit verbringt Frank S. offenbar mit dem Spielen von Online-Games, bei denen er, zusammen mit anderen Spielern, Aufgaben löst. Gemeinsam bilden sie eine „Gilde“. Er chattet mit den anonymen Mitspielern. Einige der Nachrichten sind ihm offenbar so wichtig, dass er davon Screenshots macht und diese abspeichert. Ein Screenshot trägt den Namen „Hass“. Darin beschimpft er einen anderen Spieler:

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Eine andere Datei heißt „Auf 88“. „88“, das ist der Neonazi-Code für „Heil Hitler“. Gut möglich, dass „Adf“ für Adolf steht. Einen Mitspieler lädt er zur „Terror-Tour“ nach Köln ein.

Der Prozess

Noch während Henriette Reker nach einer Notoperation im Koma liegt, wird sie von den Bürgern von Köln zur Oberbürgermeisterin gewählt. Die Generalbundesanwaltschaft zieht das Verfahren an sich, ein Signal, dass Angriffe auf Politiker konsequent geahndet werden.

Der Prozess wird im Hochsicherheitsgebäude des Oberlandesgerichtes Düsseldorf verhandelt. Es ist ein von Zäunen umgebenes Prozessgebäude mit Panzerglasscheiben im Gerichtssaal. Frank S. schirmt sein Gesicht mit einem Aktenordner ab. Richterin Barbara Havlizza führt den Prozess, sie gehört zu den drei Vorsitzenden des Staatsschutz-Senates. Eine Expertin auf dem Extremisten-Gebiet. Sie legt den Finger in die Wunde, bringt Angeklagte dazu, über ihre Fragen zu stolpern. Frank S. zweifelt vor Gericht Gutachten an, sieht sich selbst in einer Opferrolle und bestreitet, dass er Reker habe töten wollen. Das Messer sei laut seiner Aussage „stumpf“ gewesen.

Zu seiner politischen Vorgeschichte in der rechtsradikalen Szene in Bonn äußert er sich vor Gericht verharmlosend. Für ihn seien die Berserker eine Art „Bürgerwehr“ gewesen, ein „bunter Haufen“. Es habe „gemeinsame Treffen“ und „Diskobesuche“ gegeben. Er sei ein „wertkonservativer Rebell“ – kein Nazi. Das Wort sehe er als Schimpfwort.

Der psychiatrische Gerichtsgutachter, Norbert Leygraf, diagnostiziert bei Frank S. eine „paranoid-narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Dennoch sei er voll schuldfähig. Frank S. widerspricht. Er sei „bei bester Gesundheit“ und „bei klarem Verstand“.

Frank S. wird am 1. Juli 2016 wegen versuchten Mordes an Henriette Reker zu zwölf Jahren Haft verurteilt – nicht zu lebenslänglich, wie vom Generalbundesanwalt gefordert. Das Gericht sieht keine „niedrigen Beweggründe“ in der Tat von Frank S.. Da er noch weitere Menschen angegriffen und verletzt hat, bildet das Gericht eine Gesamtstrafe von 14 Jahren Haft. Frank S. und einer seiner Anwälte haben Revision beim Oberlandesgericht Düsseldorf eingelegt. Derzeit sitzt er in Haft.

Pegida und Co. als Nährboden für Gewalt

Die Tat von Frank S. muss auch vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Jahr 2015 gesehen werden. Es gibt einen erheblichen Zustrom an Flüchtlingen und scharfe Kritik an Merkel für ihre politischen Entscheidungen. Pegida demonstriert in Dresden und überall im Land. Selbstgebastelte Galgen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel werden bei einer solchen Veranstaltung herumgetragen. Es ist eine indirekte Aufforderung, Gewalt an Politikern auszuüben.

Nur wenige Tage später setzt Frank S. dies in die Tat um, tötet beinahe die jetzige Oberbürgermeisterin von Köln. Ein Einzelner, ein „einsamer Wolf“, so scheint es. Radikalisiert schon in der Jugend, dann lange unauffällig, kein dauerhafter Kontakt zu einer festen Struktur. Laut einem Bericht des britischen Royal United Services Institute, sollen rechtsextremistische Attentäter häufig sozial isoliert sein, weshalb sie auch vor einer Tat weniger Angaben zu ihren Vorhaben machten.

Das Täterprofil „einsamer Wolf“ kennen die Ermittlungsbehörden. Es erschwert ihre Arbeit enorm: kaum soziale Kontakte, keine Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung, kein Wissen über ein mögliches Attentat. Es kommt also auf mehr an, als Überwachungskameras, noch mehr Polizei und die massenhafte Erfassung privater Daten. Es geht um die sozialen Drähte, Kontakte zu anderen Menschen mit Toleranz, Empathie, Verständnis, einem Umfeld, das widerspricht, diskutiert, einen im Zweifel abhält vom Schlimmsten. Soziale Drähte halten ein soziales Gefüge zusammen und können zu Stolperfallen für potentielle Attentäter werden. Frank S. hatte keine Drähte mehr.

 

Eine Zusammenarbeit von Frontal 21 und dem Recherche-Netzwerk CORRECTIV (correctiv.org)