Fußballfans außer Kontrolle

Die Welt der radikalen Fans - eine Webdoku des ZDF

Adrenalin, Gewalt und bedingungslose Liebe

Ultras und Hooligans gegen die Polizei

Samstagnachmittag, 15.30 Uhr: Ausgestattet mit Fanschals und Vereinsfahnen zieht es zahlreiche Zuschauer in die Fußball-Arenen. Über 18 Millionen Fans unterstützten in der vergangenen Saison ihre Vereine im Stadion. Die meisten davon friedlich. Doch es gibt auch gewaltbereite Fans.

Emotional aufgeladene Stimmung – seit Jahren wird über die Grenzen der Fan-Unterstützung gestritten: Das Zünden verbotener Pyrotechnik und gewalttätige Auseinandersetzungen mit anderen Fans stehen dabei im Fokus. Bilder von vermummten Personen, durch Rauchbomben vernebelte Spielfelder oder Schlägereien vor Fußball-Arenen – immer öfter wird über Krawalle berichtet. Die Protagonisten: Ultras, Hooligans und die Polizei.

Im Webspecial erzählen diese vom Adrenalin-Rausch der Hooligan-Matches, von Grenzerfahrungen, von den gefährlichen Aufeinandertreffen der Ultra-Fans, vom Team-Spirit und von dem Versuch der Polizei, rivalisierende Fans und Ausschreitungen unter Kontrolle zu halten.

Prügeleien in der „dritten Halbzeit“

Hooligans auf der Suche nach dem ultimativen Kick

Nahezu jedes Wochenende treffen sich irgendwo in Europa Hooligans zu organisierten Schlägereien – zur „dritten Halbzeit“. Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren, manchmal auch jünger. Die Treffen sollen klar definierten Regeln folgen, es herrscht ein Ehren-Codex: keine Waffen, gleiche Gruppenstärke. Liegt einer am Boden, wird nicht mehr nachgetreten. Eingehalten werden diese Regeln allerdings nicht immer.

Die Hooligan-Bewegung kommt aus Großbritannien und breitete sich in den 80er Jahren auch in Deutschland aus. Es geht um Mut, Ehre und Stolz, es ist eher ein Sport – so zumindest sehen es die Hooligans. Ihre Schlachten zeigen sie auf YouTube. Es geht um Körperverletzung, Gewalt und Straftaten, sagen hingegen Polizei und Justiz.

Wie viele Hooligans in Deutschland aktiv sind – darüber gibt es keine Zahlen. Die Polizei teilt die Fußballfans in drei Kategorien ein: Zur Kategorie A gehört der friedliche Fan, zur Kategorie B der gewaltbereite Fan und zur Kategorie C der gewaltsuchende Fan. Hooligans ordnet die Polizei der Kategorie C zu. Denen gehe es nicht um Fußball, sondern um das Erlebnis von Gewalt, erläutert Fan-Forscher Gunter A. Pilz. Was treibt Hooligans an?

Doppelleben als Polizist und Hooligan

Diesen Rausch erlebt auch Stefan Schubert. Er gehört in den 90er Jahren zu den Hooligans „Blue Army“, den Unterstützern des Fußballclubs Arminia Bielefeld. Gleichzeitig macht Schubert eine Ausbildung zum Bundespolizisten. Die schlagkräftige Truppe der Hooligans – lange Schuberts engste Verbündete. Erst Jahre später fliegt sein Doppelleben auf.

Das Adrenalin ist sehr hoch vor jedem Kampf. Das Adrenalin drückt alles weg. Klar hat man auch Angst, aber nicht vor eigenen Verletzungen, sondern sich vor den anderen zu blamieren.
Stefan Schubert, Ex Hooligan und Ex-Polizist

Das Phänomen „Hogesa“

Seit 2014 macht die Bewegung „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa) verstärkt auf sich aufmerksam: Als das Bündnis von Rechtsextremen und Hooligans im Oktober in Köln demonstriert, kommt es zu schweren Ausschreitungen. Die Einschätzung der Verfassungsschützer: Gewaltbereite Fußballfans stecken als treibende Kraft hinter den Krawallen.

Die Vereine reagieren und ändern nach den Vorfällen in Köln ihre Stadionordnung: „Hogesa“-T-Shirts und -Pullis sind unter anderem bei Borussia Dortmund, Schalke 04, SC Paderborn, Fortuna Düsseldorf oder beim 1. FC Nürnberg verboten.

BGH: Schlägereien sind sittenwidrig

Und auch der Rechtsstaat nimmt die Hooligans ins Visier: Im Januar 2015 entscheidet der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Grundsatzurteil, dass Hooligan-Gruppen wegen ihrer organisierten Massenschlägereien und Körperverletzungen als kriminelle Vereinigungen angesehen werden können. Die Kämpfe seien selbst mit Einwilligung der Beteiligten sittenwidrig, so die Richter.

Eine Vereinigung, die solche Kämpfe plant, organisiert und durchführt, ist eine kriminelle Vereinigung – bei der bereits die Mitgliedschaft, also ohne dass man einen Faustschlag geführt hat, strafbar ist!
Bundesanwalt Johann Schmid im ZDF

Auflösungswelle bei den Hooligans – titelt daraufhin das Fußballportal „Faszination Fankurve“. Unter anderem geben Standarte Bremen, die Westfront Aachen und die Münchner Rot Hooligans ihr Ende bekannt.

Zwischen Begeisterung und Krawall

Ultras unterstützen ihren Verein mit allen Mitteln

Ultras sind Hardcore-Fans: Sie brennen für ihren Verein und fehlen bei keinem Spiel der Mannschaft – ob zuhause oder auswärts. Im Gegensatz zu den Hooligans geht es ihnen um den Verein, nicht darum, sich zu prügeln oder zu messen. Mit Gesängen, Stadion-Choreografien und aufwändig gestalteten Transparenten heizen sie die Stimmung bei Fußballspielen ordentlich an, steuern in vielen Stadien die Fan-Kurven und bringen diese zum Beben. Sie unterstützen ihre Mannschaft ohne Wenn und Aber.

Zwischen 10.000 und 20.000 Mitglieder hat die aus Italien kommende Ultrabewegung Schätzungen zufolge in Deutschland. Darunter gibt es Mini-Gruppen mit gerade mal einer Handvoll Anhänger ebenso wie Vereinigungen von beinahe 1000 Personen. Sie ist damit eine der größten Jugendbewegungen im Land.

Der überwiegende Teil der Ultra-Szene ist jung und männlich. Das Gruppengefühl und das Gemeinschaftserlebnis üben eine große Anziehung auf junge Leute aus. Wer sich einer Ultra-Gruppe anschließt, verschreibt sich voll und ganz seinem Verein.

Die Ultras sind geliebt und gefürchtet zugleich. Sie gehören zu den leidenschaftlichsten Fans, aber auch zu den umstrittensten: Denn unter ihnen gibt es auch gewaltbereite Anhänger, deren bedingungslose Liebe zum Verein keine Grenzen kennt.

Immer mehr gewaltbereite Fans

gewalt

Lebensgefährlicher Überfall

Das wird auch Malte Kock zum Verhängnis, seit seinem 10. Lebensjahr Werder-Bremen-Fan. Am 5. Mai 2012 fährt er mit Freunden zum Auswärtsspiel der Werder-Amateure nach Bielefeld. Auf dem Heimweg überfallen gegnerische Fans die Gruppe, die Situation eskaliert. Malte wird lebensgefährlich verletzt.

Mühsam kämpft Malte sich zurück ins Leben. Bis heute leidet er unter den Auswirkungen des Überfalls.

Die Grenzen der Begeisterung

Es sind gewalttätige Auseinandersetzungen wie diese und die in den Fußball-Stadien verbotene Pyrotechnik, an denen sich die Konflikte zwischen Polizei, Ultras und Verbänden entzünden. Seit Jahren wird darüber gestritten, wieweit die Unterstützung für einen Fußballclub gehen darf, wo ihre Grenzen liegen.

Wenn jemand ins Stadion kommt und vermummt ist, dann hat er von Vorneherein nichts Gutes im Sinn. Von daher ist Vermummung im Stadion nicht zu tolerieren.
Fan-Forscher Gunter A. Pilz

Für viele Ultras gehört das Abbrennen von Feuerwerk und Bengalo-Fackeln während des Spiels dazu, um eine „südländische Atmosphäre“ ins Stadion zu zaubern. Die Gefahr und das Verletzungsrisiko blenden sie aus. Verbände und Polizei hingegen fahren eine Null-Toleranz-Politik. Wer erwischt wird, bekommt Stadionverbot.

Ultra-Szene ist gespalten

Eine Annäherung zwischen Verbänden, Polizei und Ultras ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Das gegenseitige Feindbild hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr verfestigt. Die Ultras fühlen sich von der Polizei und den Verbänden drangsaliert und als Schläger und Krawallmacher stigmatisiert. In Hannover hatte sich die Lage so weit zugespitzt, dass die Ultras die Spiele der ersten Mannschaft lange Zeit boykottierten. Es gab zwar im Stadion keinen Ärger mehr, aber die Stimmung war futsch.

Das Hauptziel der Extremfans ist die Unterstützung ihrer Mannschaft, sie verstehen sich als Stimmungsmacher in der Fankurve und wenden sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs. Ultras kommen aus allen sozialen Schichten, haben keine einheitliche Weltanschauung. Einige Ultra-Gruppen sprechen sich explizit gegen Rassismus, Sexismus oder Homophobie aus, andere sind von traditionellen und rechten Anschauungen geprägt. Die große Heterogenität innerhalb der Szene spaltet diese.

So kommt es neben den Zusammenstößen mit gegnerischen Fans auch immer wieder zu gewalttätigen Angriffen von Rechtsextremen und Hooligan-Gruppierungen. In Aachen zogen sich die Ultras 2013 komplett aus dem Stadion zurück – weil ihnen das Risiko rechtsextremer Übergriffe zu groß war.

Kampf gegen Bengalos und Gewalt

Die Fußballfans fordern die Polizei

Krawalle und Randale bei Fußballspielen stellen sowohl Polizei als auch Ordnungsbehörden, Politik und Fußballverbände vor große Herausforderungen. Obwohl die meisten Zuschauer im Stadion friedlich sind, kommt es immer wieder zu Ausschreitungen. Das sagen die Statistiken der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS). Diese sind allerdings gerade bei einigen Fußballfans umstritten. Ein Kritikpunkt: sie erfassen die Straftaten, berichtet aber nicht, wie viele davon wieder eingestellt wurden.

Die Bandbreite reicht vom Abbrennen von Pyrotechnik über Sachbeschädigungen bis hin zu schwerer Körperverletzung. Verantwortlich dafür sind die Hooligans und ein kleiner Teil der Ultra-Szene. Einen Dialog mit der Polizei lehnen sie ab: Einige Ultras werfen der Polizei übermäßigen harten Einsatz vor.

Verletzte Personen bei Spielen der 1. und 2. Bundesliga

verletzt

Bei Hochrisikospielen mit vielen gewaltbereiten Problemfans wird der Einsatz der Polizei verstärkt. Die Polizei versucht die Fans unter Kontrolle zu halten – wenn nötig auch mit Pfefferspray und Schlagstöcken. Auf dem Weg ins Stadion, im Stadion und auch wieder bei der Abreise. Alles wird in der Einsatzzentrale gesteuert.

Höchste Alarmbereitschaft beim Derby

Polizeioberrat Frank Hansen ist Leiter des Polizeikommissariats 25 in Hamburg, eines der größten Kommissariate in der Stadt. Die Fußballarena im Volkspark gehört zu seinem Verantwortungsbereich. Beim Nord-Derby HSV gegen Bremen ist er in höchster Alarmbereitschaft.

Frank Hansen weiß: Kaum eine Begegnung polarisiert die Fans im Norden mehr als HSV gegen Werder Bremen – eine traditionelle Fanfeindschaft nicht erst seit dem Tod von Werder-Fan Adrian Maleika: Der 16-Jährige war 1982 das erste Gewaltopfer im deutschen Fußball. Er wurde auf dem Weg ins Stadion von gewalttätigen HSV-Fans angegriffen und verstarb schließlich an seinen Verletzungen.

Tatorte eingeleiteter Strafverfahren

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Die Sicherheitskräfte sind seither bei solchen Partien immer in besonderer Alarmbereitschaft, greifen hart durch. Szenekundige Beamte helfen dabei, die Lage einzuschätzen und verhindern so, dass die verfeindeten Fans direkt aufeinandertreffen. Kritische Punkte wie Kneipen, Hauptbahnhöfe und Stadion-Zufahrtsstraßen stehen unter Überwachung, Polizeiposten werden eingerichtet.

Dort, wo wir erforderlich sind, da sind wir. Und wir erfüllen unseren Auftrag. Punkt. Ob es nun den Ultras gefällt oder nicht.
Einsatzleiter Frank Hansen

Frank Hansen gilt als Hardliner. Er war 2014 verantwortlich für den Sturm des Blocks 22c im Hamburger Stadion. Mehrere Zuschauer haben den Polizeieinsatz gefilmt und auf YouTube gestellt. Bei der Stürmung des Blocks gab es zahlreiche Verletzte. Hansen erzählt seine Sicht der Dinge:

Kostspieliger Polizeieinsatz

Die Polizei versucht mit großem Aufgebot solche Auseinandersetzungen am Spieltag schon im Vorfeld zu vermeiden. Und das kostet. Immer wieder droht die Politik, steigende Kosten für die Polizei-Einsätze an deutschen Fußballstadien auf die Vereine zu übertragen.

Wer zahlt künftig die Polizei-Einsätze? Die Stadt Bremen hat angekündigt, die entstehenden Mehrkosten für den Einsatz der Polizei beim Spiel Bremen gegen Hamburg der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Rechnung zu stellen. Ein Novum im deutschen Fußball. Die DFL will juristisch dagegen vorgehen. Am Rande des Nordderbys zwischen den beiden Erzrivalen Bremen und dem HSV am 19. April war es zu massiven Ausschreitungen gekommen. Unter anderem lieferten sich 50 bis 60 gewaltbereite Hamburger und 120 Bremer Ultras eine Schlägerei. Dabei wurden Flaschen, Steine und andere Gegenstände geworfen. Die Beamten setzten Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Zudem beschädigten HSV-Rowdys einen Zug und zündeten auf dem Bremer Bahnhof Pyrotechnik. Rund 1000 Polizisten waren im Einsatz, bei „normalen“ Spielen reichen 120 Beamte.

 

Fanprojekte, verstärkte Sicherheitstechnik im Stadion oder auch Stadionverbote gehören zu den Maßnahmen gegen die Randalierer im Stadion. Außerdem verhängt das Sportgericht des DFB Geldstrafen gegen die Vereine bei unsportlichem Verhalten der Fans, zum Beispiel beim Abbrennen von Bengalo-Fackeln, Werfen von Rauchbomben, Vermummung oder Platzsturm wie im Feburar 2015 beim Spiel Gladbach gegen Köln. 

Man hat nur eine Chance: Diejenigen, die meinen, das schadet dem Verein und der Fankultur, müssen diejenigen, die zum Beispiel Bengalos ins Stadion schmuggeln, anzeigen.
Fan-Forscher Gunter A. Pilz

Fans passen auf andere Fans auf – ein hehrer Anspruch.