Putins geheimes Netzwerk

Wie Russland den Westen spaltet

Propaganda mit allen Mitteln

Der Krieg in der Ukraine wird längst nicht nur mit Waffen ausgetragen. Es geht nicht allein darum, Land zu gewinnen. Russland führt einen Informationskrieg gegen den Westen mit dem Ziel, NATO und Europäische Union zu destabilisieren. Dazu bedient sich Moskau williger Helfer vom rechten Rand. Russische Oligarchen und Banken finanzieren Parteien wie den Front National oder laden AfD-Politiker zu Tagungen ein. Gemeinsam verbreiten russische Medien und rechte Netzwerke Falschmeldungen. Der Fall des angeblichen Vergewaltigungsopfers Lisa war so eine Kampagne. Der lange Arm der Propagandisten reicht bis vors Berliner Kanzleramt.

Sawuschkin-Str-2

„Trollfabrik“ in St. Petersburg

Krieg der Trolle

Russland, St. Petersburg, Sawuschkin-Straße 55, ein grauer Neubau. Vitalij will seinen Nachnamen nicht verraten. Er sagt, er war ein Informationskrieger im Staatsauftrag. Er war ein Troll. Dreieinhalb Monate habe er jeden Tag Lügen verbreitet, gegen die Wahrheit angeschrieben, Propaganda des Kremls im Netz verbreitet, im Internet Stimmung gegen den Westen gemacht, vor allem aber gegen die Ukraine.

Vitalij erzählt, er sei von September bis Dezember 2014 einer von rund 200 Angestellten in der Sawuschkin Straße 55 gewesen. In Sozialen Netzwerken wie Facebook und seinem russischen Pendant VK hätten sie sich als neutrale Blogger ausgegeben. Tatsächlich streuten sie möglichst unauffällig Kremlpositionen oder produzierten gefälschte Internetseiten. Die allermeisten seiner Kollegen hätten die Propaganda vor allem des guten Geldes wegen gemacht, meint Vilatij. Viele seien wie er gewesen, unpolitisch.

Es gab schon patriotisch eingestellte Leute, aber das waren ganz wenige, vielleicht drei oder vier, die voller Stolz sagten: ‚Wir sind Trolle, wir sind gegen die Faschisten in der Ukraine, wir sind für Russland, für Putin.‘
Vitalij, ehem. russischer Troll

45.000 Rubel, im Herbst 2014 waren das um die 720 Euro, hatten Vitalij in die Sawuschkin Straße gelockt. Immerhin verdiente er dort das Doppelte eines Redakteurs in den russischen Medien. Schon bald sei ihm aufgegangen, dass er benutzt wurde, um Stimmung zu machen – auch, dass die Firma, bei der er angestellt war, kein normales Unternehmen gewesen sein kann.

Angela Merkel, Barack Obama und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sollten als Kriegstreiber dargestellt werden. Das sei genau vorgegeben gewesen. Vitalij sagt, nach drei Monaten habe er das Interesse an der Propagandaarbeit verloren, trotz des guten Verdienstes. Wenn er heute mit dem ZDF, der Westpresse, über russische Desinformation im Netz spricht, fürchtet er dennoch nicht um seine Sicherheit.

Gezielt werden bezahlte Trolle eingesetzt, um in Onlineforen oder in sozialen Netzwerken Kommentare zu schreiben. Das belegen Tausende E-Mails und Auszüge aus einem Strategiepapiers, das russische Berater im Sommer 2015 für die Separtisten in der Ostukraine verfasst haben. „Es sollen Aktivistengruppen für Internetkommentare in Blogs, Foren und soziale Netzwerke aufgestellt werden“. Vorteil sei es, „unverzüglich reagieren zu können“ und „aufgrund der Intensität ihrer Arbeit“ würde der „Eindruck erweckt, die Mehrheit denkt so“. „Schaffen Sie eine Gegenpropaganda!“

 

Im Anhang der E-Mail befindet sich ein Dossier über Blogger. Enthalten sind Einschätzungen, inwieweit sie sich pro- oder antirussisch geäußert hätten. Auffällig ist die Spalte: Vertrag.

3er-Facebook-1920x640

Bei einigen Bloggern steht: abgelehnt oder abgeschlossen. Bei anderen Bloggern findet sich die Bemerkung „Vorschuss in Höhe von 500 Dollar nicht ausgezahlt“. Der Absender der Dossiers ist der Chef von Ligainternet , eine Initiative russischer Ministerien und des Kreml-nahen Oligarchen Konstantin Malofejew. Offiziell will Ligainternet ein Beitrag zu einem sicheren Internet leisten, Cybercrime und Kinderpornografie bekämpfen.

 

safe internet league

Ligainternet

 

Russische Trolle verunglimpfen Menschen

Dass ihm einmal russische Trolle auf den Leib rücken würden, hielt Alexander Reiser lange nicht für möglich. Der 54-jährige Journalist lebt seit 20 Jahren in Berlin. In der Plattenbausiedlung Hellersdorf am östlichen Stadtrand leitet er den Verein Vision e.V., der sich der Integration Russlanddeutscher widmet. Im Januar 2016 wird über soziale Netze unter den 30.000 Aussiedlern in Hellersdorf die Meldung verbreitet, ein 13-jähriges russlanddeutsches Mädchen sei von mehreren Flüchtlingen vergewaltigt worden. Hunderte Hellersdorfer demonstrieren vor dem russischen Mix-Markt gegen Flüchtlingen und Ausländer.

„Es ist Krieg“, twittern aufgeregte Bürger und organisieren eine weitere Demonstration vor dem Kanzleramt. Hunderte Russlanddeutsche kommen in Berlin-Mitte zusammen, die die unwahre Geschichte von der Vergewaltigung glauben. Russische Staatsmedien hatten die Stimmung angeheizt. Selbst der russische Außenminister hatte sich eingeschaltet, von „unserer Lisa“ gesprochen. Da hatte die Berliner Polizei die Geschichte vom vergewaltigten Mädchen längst als Falschmeldung entlarvt.

Auf der Protestkundgebung vor dem Kanzleramt sieht Alexander Reiser fassungslos die Plakate: „Wir leben in einem Land, wo die Monster frei sind.“ Als ein Redner detailreich den angeblich stundenlang dauernden Missbrauch der 13-jährige Lisa schildert, reicht es Reiser: „Warst du dabei?“ ruft er. Bullige Wachmänner drängen in ab.

Kurz darauf erhält Reiser anonyme Drohanrufe. Im russischen Netzwerk VK, einer Art russischem Facebook, taucht ein gefälschtes Profil Reisers auf. Reiser wird diffamiert, fälschlich und verhöhnend als homosexuell dargestellt.

reiser

Profil von Alexander Reiser, das ihn als vermeintlichen Homosexuellen outet und seine Wohnadresse enthüllt.

Mehrere VK-Teilnehmer kommentieren die Seite mit feindseligen Texten gegen Reiser. Der vermutet, dass hinter den Kommentatoren staatlich gesteuerte Trolle stecken.

Ein Troll versteckt sich hinter einem Profil, das ein rothaariges kleines Mädchen zeigt. Er beschimpft Reiser als Homosexuellen, der sich angeblich selbst geoutet habe. Vielleicht sitzt dieser Troll an einem Schreibtisch in der St. Petersburger Sawuschkin Straße, als er die hasserfüllten Zeilen an Alexander Reiser verfasst. Reiser wird es wohl nie erfahren.