Graue Wölfe

Eine Chronologie der stillen Macht

Wölfe im Schafspelz

Türkische Ultranationalisten in Deutschland

Ihr Symbol: Der Graue Wolf. Ihr Name: Ülkücü, türkisch für Idealist. Ihr Führer: Alparslan Türkes. Ihr Ziel: ein großtürkisches Reich und die Eliminierung von politischen Gegnern.

Längst sind sie nicht mehr nur in der Türkei organisiert, auch in Deutschland gibt es mindestens 20.000 türkische Ultranationalisten. Getarnt in harmlos klingenden Vereinsstrukturen, unterwandern sie seit Jahren die deutsche Parteipolitik – von der Öffentlichkeit fast unbeobachtet. Um den Nachwuchs kümmern sich Jugendeinrichtungen, die mit Koranunterricht und Kampfausbildung Perspektiven bieten. Sie fördern eine radikale Jugend, bei der Grenzen verschwimmen: So zogen jüngst einige Jungwölfe aus Dinslaken als „Gotteskrieger“ nach Syrien.

Ein Webspecial von Anna Feist und Herbert Klar über die Entstehung und den stillen Kampf der Grauen Wölfe in Deutschland.

Ein „Oberwolf“ und sein Rudel

Alparslan Türkes und seine Ideologie

Er gilt als impulsiv, neigt zu radikalen Vereinfachungen und träumt von einem großtürkischen Reich. So beschreiben seine Anhänger ihren „Basbug“, ihren selbsternannten „Führer“ – Alparslan Türkes.

1917 in Zypern geboren, wandert der 16-Jährige mit seinen Eltern 1933 in die Türkei aus. Dort folgt eine steile Karriere: Türkes entscheidet sich für eine Offizierslaufbahn und reüssiert früh. Der junge Offizier begeistert sich für den deutschen Nationalsozialismus. Seine Sympathien für die NS-Ideologie bringen ihn während des Zweiten Weltkrieges sogar mehrfach in Haft – trotzdem wird er Oberst im Generalstab.

1964 wird Alparslan Türkes Generalinspekteur der „Republikanischen Bauern- und Nationalpartei“ (CKMP) – genug Einfluss, um hohe Parteigremien mit seinen Anhängern zu besetzen. Anders gesinnte CKMP-Mitglieder entmachtet er.
Am 2. August 1969 übernimmt er den Parteivorsitz. Seine ersten Amtshandlungen: eine neue Parteisatzung, in der seine Rechte als Parteiführer erweitert werden und ein neuer Name. Türkes tauft seine Partei “Partei der Nationalen Bewegung“, kurz MHP.

Symbol der Bewegung wird der Graue Wolf, angelehnt an einen Mythos: Der Legende nach soll ein Wolf in vor-islamischer Zeit die vom Aussterben bedrohten türkischen Stämme aus den Altay-Gebirgen in Zentralasien geführt und gerettet haben. Der graue Wolf gilt als mächtiger Jäger, der frei und unabhängig durch das Land streift. Da er vom Jagen lebt, wird er andere allerdings nie als frei und unabhängig anerkennen. Diesem Bild folgt die Bewegung der Grauen Wölfe: Alle nicht-türkischen Bevölkerungsteile, insbesondere Minoritäten im eigenen Land, werden „rassistisch“ verfolgt. Gegen Linke, Sozialisten und Kommunisten wird mit Propaganda gehetzt. Erklärtes Ziel der Bewegung ist die Errichtung einer pantürkischen Nation, die sich vom Balkan über Zentralasien bis nach China erstreckt und alle sogenannten „Turkvölker“ in einem „großtürkischen Reich“ vereint. Der mythische Wolf ist dabei Anführer seines Rudels. Daher bezeichnet sich Alparslan Türkes auch gerne als „Oberwolf“.

Ihr Symbol, der Graue Wolf, dient bis heute als Erkennungszeichen: Anhänger grüßen sich weltweit mit dem Wolfsgruß. Außerdem ist der heulende Wolf, neben der osmanischen Kriegsflagge mit den drei Halbmonden, beliebtes Flaggenmotiv in der Szene. Offiziell bezeichnen sich Türkes-Anhänger als Ülkücüs, als Idealisten, inoffiziell sind sie die Grauen Wölfe.

Demonstration der grauen Wölfe in Istanbul

Mitglieder der Grauen Wölfe in Istanbul zeigen den Wolfsgruß.

Heulende Jungwölfe

Das wichtigste Element der Partei ist die Jugendorganisation, die sogenannte Ülkücü-Jugend. Schon seit 1965 gründet die Partei in der Türkei zahlreiche Jugendorganisationen. Hinter dem harmlosen Ausdruck verbergen sich paramilitärisch ausgebildete Kampftruppen, die die Ideologie und die Ziele der Partei durch Propaganda und auch mit Gewalt durchsetzen wollen. Zur Ausbildung der Jugendlichen werden paramilitärische Trainingscamps errichtet. Schon 1969 gibt es 34 Kommandolager, in denen 100.000 junge Graue Wölfe ausgebildet werden.

„Ab Ende der 60er Jahre ging das los: Diese Paramilitärs, diese Todesschwadronen und Schlägertrupps, die übrigens absichtlich nach dem Vorbild von SA und SS aufgebaut wurden, lieferten sich in der Türkei wilde Kämpfe mit politischen Gegnern. Was heißt wilde Kämpfe, sie haben gezielte Überfälle auf politische Gegner begangen“, erklärt Nikolaus Brauns, Historiker und Bundestags-Referent der Linken. „In der Phase zwischen 1975 und dem Militärputsch 1980 gab es ungefähr 5000 Tote bei bewaffneten Auseinandersetzungen. Die Mehrzahl dieser Toten waren Sozialdemokraten, Sozialisten, Gewerkschafter oder Angehörige ethnischer, religiöser Minderheiten wie Aleviten und Kurden.“

1980 werden die paramilitärischen Jugendorganisationen aufgelöst. Doch zum Teil gibt es sie noch heute in der Türkei, warnt der Verfassungsschutz.

Vor dem Militärgericht müssen sich 1981 Türkes und 587 MHP-Funktionäre wegen staats- und demokratiefeindlicher Bestrebungen verantworten. Die Anklage lautet: Anstachelung zum Bürgerkrieg und Anstiftung zum Mord in über 600 Fällen.

Massendemonstration der Grauen Woelfe

Massendemonstration der Grauen Wölfe in Deutschland, 1978

MHP, BND und CDU

Mittlerweile sind die Ülkücüs auch in Deutschland angekommen: 1978 wird die Türk Federasyon (ADÜTDF), die Auslandsabteilung der MHP, in Frankfurt am Main gegründet, ausgerechnet mit Unterstützung der deutschen Politik: Der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) und der Schwalbacher CDU-Stadtverordnete und Türkei-Experte des BND Hans-Eckhardt Kannapin helfen bei der Etablierung des Vereins, weiß Nikolaus Brauns.

Es ist eine brutale Vereinsarbeit, die da betrieben wird.
Berlin-Kreuzberg, 1980: Türkische Ultranationalisten haben gerade eine Gruppe Kommunisten beim Verteilen von Flugblättern überfallen. Sie haben Messer dabei. Der 36-jährige Lehrer und Gewerkschaftler Celalettin Kesim gerät zwischen die Fronten. Er verblutet. Am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg mahnt heute ein Gedenkstein an den 5. Januar 1980.

Doch Zielscheibe der Ultranationalisten sind nicht nur normale Staatsbürger, 1982 wird der Vorsitzende der Türk Federasyon, Musa Serdar Celebi, verhaftet. Er hatte den Papst-Attentäter, Ali Agca, vor dessen Romreise in der Frankfurter Türk Federasyon-Zentrale mit Geld versorgt.

In der Türkei ist die MHP von 1981 bis 1987 verboten. Doch gleichzeitig werden in Deutschland zwei weitere Organisationen der Grauen Wölfe gegründet: Die ATIB in Köln und die ATB in Frankfurt am Main. Die drei Dachorganisationen Türk Federasyon, ATIB und ATB unterhalten heute bundesweit rund 303 Vereine mit mindestens 18.500 Mitgliedern.

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Türk Federayson: Am 18. Juni 1978 wird die „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa“ (ADÜTDF) als Auslandsabteilung der MHP in Frankfurt am Main gegründet. Sie unterhält bundesweit circa 160 Vereine mit rund 7000 Mitgliedern.

 

ATIB: 1987 spaltet sich die „Union der türkisch-islamischen Kulturvereine in Europa“ (ATIB), die eine stärkere Orientierung auf den Islam als bestimmendes Element des Türkentums propagiert, von der Türk Federayson ab. Ihr Sitz ist in Köln. Es gibt deutschlandweit circa 123 Vereine mit 11.500 Mitgliedern.

 

ATB: Der ATB, „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“, wird
1992 mit Sitz in Frankfurt am Main gegründet. Er gilt als Deutschlandvertretung der in der Türkei ansässigen „Großen Einheitspartei“ (Büyük Birlik Partisi – BBP). Der ATB verbindet, ähnlich wie die ATIB, die islamische Komponente mit türkisch nationalistischen Gedanken. In Deutschland gibt es 20 Vereine, Mitglieder unbekannt.

Täter und Opfer

Wenn das Rudel zuschlägt

Auch Mehmet [Name geändert: Die Red.] ist in einem dieser deutschen Vereine Mitglied. Er bekommt Unterricht über das Türkentum, beginnt zu beten und kämpft erbittert gegen seinen Erzfeind, die PKK, eine kurdische Untergrundorganisation.

Mehmet – Jugend zwischen Koran und Straßenschlacht

„Ich bin in einer Siedlung aufgewachsen. Da wohnten überwiegend Migranten, Türken, Kurden. 70 bis 80 Prozent der Leute in der Siedlung waren Ausländer. Die Eltern von einem guten Freund waren MHP-Mitglieder. Ich konnte damit zunächst nichts anfangen. Meine Eltern sind Atheisten, immer eher links gewesen. Trotzdem haben wir die Jugendeinrichtung von denen mal ausgecheckt. Untergebracht war die neben einer Moschee, im Anbau. Ich war so 17,18 damals.
„Und tatsächlich, es machte Spaß da zu sein. Wir konnten kickern und abhängen. Wir haben da coole Leute kennengelernt. Die meisten von denen hatten im Jugendalter schon einen gefürchteten Ruf. Das imponierte mir. Mit der Zeit brachte man uns dann kleinere Dinge bei. Zum Beispiel kamen einmal Leute an und fragten: Woher stammt dein Name? Dann erklärten sie mir, dass der da und da herkommt, natürlich aus dem Türkischen. Und dass ich stolz sein sollte, Türke zu sein. Irgendwann sagten sie zu mir: Du bist ein kluges Kerlchen, wir könnten dir noch mehr beibringen. Und da war ich dann schon mittendrin.

Es gibt ein Parteibuch, Dokuz Isik, die „Doktrin der Neuen Lichter“. Das war das Parteibuch von unserem Gründer, von Türkes. Das musste ich lesen. Es lief immer so: Man bekam Bücher, man liest sie, bringt sie zurück und wird abgefragt. In diesen Büchern ging es eigentlich immer um den stolzen Türken. Von den älteren Leuten wurde uns auch gelehrt, wie die Partei funktioniert, wie wir in der Türkei parteipolitisch agieren sollten, wie wir hier in Deutschland agieren sollten. Ich bekam zusätzlich noch eine religiöse Ausbildung. Man erklärte mir, wie der Islam entstanden ist. Warum das Türkentum im Islam verankert ist, welche Stellung das Türkentum im Islam hat, warum wir eine hervorgehobene Nation sind. Das war richtiger Unterricht. Es war eine Art Gehirnwäsche, die wir da bekommen haben.

Man bekam diese Bücher, musste auf Veranstaltungen, man war in einem geschlossenen Kreis. Gewacht haben über uns die Älteren. Sie haben immer darauf geachtet, was man macht. Dass man sich draußen benimmt, den Parteirichtlinien entspricht. Dass man zum Beispiel in die Moschee geht und betet. Dabei hatte ich eigentlich nie was mit Religion zu tun. Trotzdem stand ich irgendwann da und habe fast jeden Tag gebetet.

Drei Halbmonde

Ein Grauer Wolf küsst die drei Halbmonde, das Motiv der Osmanischen Kriegsflagge.

Der Kreis wurde immer enger gezogen. Die klugen Leute, die loyal waren, die alles mitgemacht haben, die wurden gefördert. Die Leute, die sich wenig engagiert haben, waren schnell Kanonenfutter. Aber ich wurde nach einem Jahr zum Jugendsprecher ernannt. Mein Zuständigkeitsbereich waren die unter 18-Jährigen. Über mir stand der Jugendvorstand, der war so Mitte, Ende 20. Wir wussten, dass er in der Vergangenheit mit Zuhälterei zu tun hatte und dass er gewaltig und gefürchtet war. Wir wussten auch, dass bei ihm sehr viele Waffen im Spiel waren. Geld hatte er auf jeden Fall. Er hat uns immer wieder Geschenke gemacht: einen Tischkicker, dies und das.

Wir waren anfangs eine kleine Gruppe, nur so 20 bis 30 Jugendliche. Das war kurz vor Solingen [Brandanschlag auf das Haus einer türkischstämmigen Familie am 29. Mai 1993: Die Red.]. Dann, nach dem Anschlag in Solingen, hatten wir einen Mitgliederzuwachs von bestimmt 100 Leuten. Die meisten von denen waren Jugendliche unter 20. Einer der Gründe, weshalb sie zu uns kamen: Wir haben geholfen, wenn sie Probleme hatten, zum Beispiel bei Auseinandersetzungen mit Kurden oder mit Deutschen. Helfen bedeutete bei uns: Leute mobilisieren, hingehen und die anderen dann verprügeln. Irgendwo waren wir schon so eine Art Schlägertrupp.

Wir bekamen sogar eine Kampfausbildung: Einmal die Woche wurden wir zum Beispiel in Taekwondo trainiert, man brachte uns auch Boxen und Kickboxen bei. Das diente als Kampfausbildung gegen die PKK.

Ab und zu sind wir dann mit 30 bis 40 Leuten in eine Siedlung reingegangen, wo die PKK dominiert hat. Wir wollten sie provozieren. Oder wir sind mit 40 bis 50 Leuten in eine Kirmes rein, haben ein bisschen aufgemischt. Dann kamen Jugendliche von der PKK. Es herrschte immer ein Konkurrenzkampf zwischen uns. Wir kamen mit 20 Leuten, dann haben die 30 Leute mobilisiert und so ging das immer weiter, bis sich die Älteren eingemischt haben. Es ist nie komplett eskaliert, aber es war immer klar, die Älteren haben Waffen, Schusswaffen.

Auch bei den Älteren ging es ständig um den Kampf zwischen der PKK und der MHP.  Es gab zum Beispiel Erpressungs- und Schutzgelder. Ladenbesitzer, die der PKK Schutzgelder gezahlt haben, kamen zu uns und haben Schutz und Hilfe gefordert. Die Älteren schickten dann Leute von uns hin, die den Laden vereinnahmt und die Ladenbesitzer geschützt haben vor der PKK. Es war ein ständiger Kampf.“

Rechtsextreme demonstrieren

Demonstration der Grauen Wölfe in Köln

„Er zog die Pistole und schoss“

Doch nicht nur Kurden gelten als Feinde, auch eine Beratungsstelle in Berlin-Kreuzberg wird 1984 zur Zielscheibe: „Unsere Einrichtung, eine Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei, sollte den Frauen helfen, selbstbewusster zu werden, im Leben auf eigenen Füßen zu stehen und sich ihren Männern gegenüber zu erwehren“, erinnert sich die damalige Jura-Studentin Seyran Ates, die oft in der Beratungsstelle aushilft. „Wir setzten uns ein für die Gleichberechtigung der Geschlechter und diese Leute, diese ultranational eingestellten, traditionellen Menschen, Männer vor allem, wollten das nicht.“

Ihren Willen setzen die türkischen Ultranationalisten mit brutaler Gewalt durch:

Fatma E. stirbt. Seyran Ates überlebt – schwerverletzt: Eine Arterie ist getroffen, die Kugel steckt im Hals. Sechs Jahre muss Seyran Ates in ihrem Studium pausieren. Doch das Schlimmste ist für sie: „Dieser Mann, der gefasst wurde und in Untersuchungshaft saß, hat ganz klar zu den Grauen Wölfen gehört. Das konnte man belegen. Trotzdem wurde er freigesprochen.“ Der Schütze hat offenbar mächtige Unterstützer. Zeugen werden eingeschüchtert, Verwandte von Seyran Ates erhalten Anrufe. Man versucht die junge Studentin mit Geld zu bestechen, so dass sie ihre Aussage zurückzieht.
Ates: „Nur der Verfassungsschutz wollte nicht recherchieren. Für mich als Nebenklägerin war am erschreckendsten, dass der Vertreter des Verfassungsschutzes auf die Frage des Richters, was er zu den Grauen Wölfen sagen könnte, gesagt hat: Es gibt keinen eingetragenen Verein namens Graue Wölfe, deshalb kann er sich dazu nicht äußern.“ Der mutmaßliche Täter wird mangels Beweisen freigesprochen.

Faktisch hat der Verfassungsschützer damit sogar Recht. Bis heute werden die Grauen Wölfe offiziell nicht so bezeichnet: „Wenn man es von der verwaltungstechnischen Seite sieht, gibt es die Grauen Wölfe in Deutschland eigentlich nicht“, erklärt Herbert Müller vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg. „Wir haben hier Vereine und eine Struktur in ganz Deutschland, die der sogenannten Nationalistischen Bewegungspartei in der Türkei zuzurechnen ist.“

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Einzug in die deutsche Parteipolitik

Schon immer agieren die türkischen Ultranationalisten fast gänzlich unbeobachtet von der Öffentlichkeit. Auch Alparslan Türkes ist sich dessen bewusst und geht noch einen Schritt weiter: Ein Jahr vor seinem Tod, 1996, ruft er in der Essener Grugahalle bei einer Jahreshauptversammlung seine Anhänger zum Eintritt in die CDU auf. Die deutsche Parteipolitik soll unterwandert werden.

Auch Mehmet bekommt mit, dass es die älteren Vereinsmitglieder immer mehr in deutsche Parteien zieht:

„Deutsche Politik hat uns Jungen nicht interessiert. Wir wussten, es gibt unsere Partei, die MHP, und es gibt die PKK, unsere Feinde. CDU und so mochten wir nicht. Das waren für uns Nazis. Die Älteren dagegen versuchten schon, in der deutschen Parteipolitik Fuß zu fassen. Logisch, es ging um Einflussnahme. Wenn man die Möglichkeit hat, eine Partei zu unterwandern, macht man das natürlich. Ich weiß, dass zum Beispiel sehr viele in der SPD drin sind. Von 100 MHP-Parteimitgliedern sind bestimmt zwei bis drei in der SPD. Wäre ich nicht ausgetreten, wäre ich heute auch in der deutschen Parteipolitik aktiv, um entsprechend der Ziele der MHP zu wirken – also zum Beispiel für eine türkeikonforme Politik, für eine sehr liberale Ausländerpolitik oder eine diskriminierende Kurden- oder PKK-Politik.“

Verstrickungen

Ultranationalisten in der deutschen Politik

Einer dieser Ülkücüs, die es in die deutsche Politik gezogen hat, ist Zafer Topak. Topak bezeichnet sich auch öffentlich als Idealist, also als Grauer Wolf. Trotzdem ist er seit Jahren Mitglied in der CDU, sitzt seit 2008 im Vorstand des Ortsverbandes Hamm und gehört zum Integrationsrat der Stadt. Schon 2010 wird in der Presse bekannt, dass er Sympathien für türkische Ultranationalisten hegt. Jetzt läuft ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn.

Warum ausgerechnet er ausgeschlossen werden soll, versteht er trotzdem nicht. Schließlich gäbe es doch noch rund 40 andere Sympathisanten der Grauen Wölfe, die Mitglied in der CDU sind, argumentiert er:

Außerdem hätten sowohl der Landesvorsitzende Armin Laschet, als auch der Landesgeschäftsführer der CDU NRW Bescheid gewusst: „Der Landesgeschäftsführer hat mir gesagt, dass ich bei der CDU bleiben kann, aber ich solle doch bitte nicht in der Öffentlichkeit erwähnen, dass ich ein Ülkücü bin“, behauptet Topak.

Topak ist kein Einzelfall: Im April erklärt die Hamburger Grünen-Politikerin Nebahat Güclü ihren Austritt aus der Partei, nachdem sie Anfang des Jahres auf Stimmenfang ging, ausgerechnet bei der Türk Federayson (ADÜTDF). Ein Skandal für die Grünen. Trotz ihres Austritts bestreitet Güclü, gewusst zu haben, auf wen sie sich da einlässt. Nebahat Güclü: „Man kann mir den Vorwurf machen, als Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg hätte ich diese Organisation kennen müssen. Ich kann nur versichern, dass ich sie nicht kannte.“
Ihre Rechtfertigung – wenig glaubwürdig für den Verfassungsschützer Herbert Müller: „Das halte ich im Grunde für eine sehr schwache Schutzbegründung, die nicht trägt. Meine Erfahrung geht dahin, dass man innerhalb unserer Migrantencommunity genau weiß, zu welchem Laden welcher Verein gehört“, so Müller. „Wenn ich in eine Veranstaltung von solchen Vereinen gehe, dann sind da meistens entsprechende Stände oder entsprechende Bilder an den Wänden. Die geben jemandem, der politisch halbwegs interessiert ist, sofort Auskunft, wo er sich befindet.“

Mahnwache im Januar 2015 vor dem Brandenburger Tor

Mahnwache im Januar 2015 vor dem Brandenburger Tor

Doch nicht nur regional sind die Grauen Wölfe aktiv: So demonstriert auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Mahnwache „Zusammenstehen – Gesicht zeigen“ im Januar 2015 Seite an Seite mit türkischen Ultranationalisten der ATIB gegen islamistischen Terror. Denn organisiert wurde die Mahnwache unter anderem vom „Zentralrat der Muslime“, dem gehört neben anderen Verbänden auch der Dachverband ATIB an, ein türkisch-islamischer Kulturverein, der sich in den achtziger Jahren von der Türk Federayson abgespalten hat. Die Grauen Wölfe wissen sich eben zu tarnen, das sei Teil ihrer Strategie, so Islamexperte Marwan Abou-Taam.

Gefährliche Schnittstellen

Dinslaken, 2013: Mindestens 20 junge Männer ziehen in den Dschihad nach Syrien. Dinslaken, eine Stadt, die auch für die Vereinskultur der Grauen Wölfe bekannt ist. Zwar wollen die ein großtürkisches Reich und kein Kalifat wie die Dschihadisten, doch Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam vom LKA Rheinland-Pfalz weiß: „Die Grauen Wölfe verbinden eine volksstämmige Ideologie, das heißt, eine nationalistische Ideologie mit einer religiösen Komponente. Das bedeutet, sie wollen die Turkvölker unter der Flagge des Islam einen.“
Die Grauen Wölfe also auch Nährboden für Dschihadisten?
Ja, bestätigt Abou-Taam, zumindest in Einzelfällen. So radikalisierten sich einige Dschihadisten der Dinslakener Zelle in den Jungendvereinen der Grauen Wölfe. Abou- Taam: „Es kam hier zu eindeutigen Verlinkungen zwischen islamistisch, radikalen Organisationen und einzelnen Personen innerhalb der Bewegung der Grauen Wölfe.“

Der Experte warnt: Im Gegensatz zu den Dschihadisten ist die Reichweite der Grauen Wölfe größer, ohne dass sie dabei im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Die Grauen Wölfe – kaum bemerkt unterwandern türkische Ultranationalisten Politik und Gesellschaft in Deutschland.

 

Zeitstrahl

Graue Wölfe – Chronologie der stillen Macht