Drohnen

Tod aus der Luft

Die Zukunft des Krieges

Wir können sie nicht sehen. Aber sie sehen uns, durchdringen mit blicklosen, niemals schlafenden Augen die Nacht, verfolgen jede Bewegung und töten aus der Distanz: Drohnen. Sie sind die Zukunft des Krieges, der eigentlich keine Zukunft haben sollte. Vernetzt über ultraschnelle Satelliten- und Datenverbindungen umspannt schon heute ihr unsichtbares Netz die ganze Welt.

Kaum je erfuhr eine Waffe einen so steilen Aufstieg in der Militärtechnik wie die Kampfdrohne. Vergleichbar ist ihre Auswirkung auf die Art und Weise der Kriegsführung nur mit der Atombombe. In nur wenigen Jahren stieg die Zahl der Todesopfer in Afghanistan, Pakistan, Jemen und Somalia durch Drohnenangriffe geschätzt in die Tausende. Die Kampfdrohne und ihre Anforderungen an die globale Echtzeit-Datenkommunikation schufen die Notwendigkeit für ein ganz besonderes Datennetz: das Global Information Grid (GIG). Ein weltumspannendes militärisches Datennetz mit Bandbreiten, die in Gigabit pro Sekunde gemessen werden.

Auftritt für den 29-jährigen Brandon Bryant. Seine Geschichte ist untrennbar mit dem verbunden, was die Öffentlichkeit über Drohneneinsätze weiß. Denn Bryant gilt als Kronzeuge des US-Drohnenprogramms, ging mit seinem Insiderwissen an die Öffentlichkeit. Zuvor hatte er nach eigenen Angaben rund sechs Jahre lang in der US Air Force Drohnen gesteuert:

Sein Arbeitsplatz: Ein Bildschirm. Seine Waffe: Ein Joystick. Bryants Aufgabe war es, dass die Rakete ihr Ziel trifft.

Wir markieren das Ziel mit einem Laser, der Pilot feuert die Rakete ab und wir leiten die Rakete in ihr Ziel.
Brandon Bryant

Das Töten eines Feindes findet in einer hochtechnisierten Armee immer seltener auf einem Schlachtfeld statt. Stattdessen fahren die Soldaten zur Arbeit wie andere Leute ins Büro. Es ist schwer vorstellbar, welche Auswirkungen diese Art der Kriegsführung auf die Drohnenmannschaften hat: Sie kämpfen, fernsteuernd, in tausende Kilometer entfernten Regionen, und wenn ihre Schicht vorbei ist, fahren sie wieder nach Hause zu ihren Familien. Es ist ein Krieg ohne eigenes Risiko. Aber er kann dennoch fatale Folgen haben, denn die Bilder von den Einsätzen, die die Soldaten auf ihren Bildschirmen live sehen, haben eine so hohe Auflösung, dass sie das Gefühl haben, selbst dort zu sein.

Und es gibt keine lauten Geräusche. Nur das Summen eines Computers, das Atmen deines Sitznachbarn. Und du siehst die Ergebnisse deines Handelns. Es gibt kein physisches Feedback, dass das, was du getan hast, real war.
Brandon Bryant

Wie kam es zu dieser Entwicklung, mit der die Tat des Auslöschens eines Menschenlebens derart vom Täter entkoppelt wird? Werfen wir einen Blick zurück.

Der Anfang

Als 1990 das bis dahin nur Insidern bekannte Unternehmen General Atomics den Auftrag zur Entwicklung eines unbemannten Aufklärungsflugzeugs bekam, war dies nur eine Notiz in Kreisen der Luftfahrtindustrie. In nur fünf Jahren aber schufen die Ingenieure der Privatfirma, die bis heute keine Bilanzen ausweist und Milliarden-Aufträge erhält, eine Waffe, die die Welt veränderte. Das Ergebnis war die Aufklärungsdrohne RQ-1 „Predator“, die 1995 zum ersten Mal bei der Überwachung serbischer Truppen im Bosnien-Krieg eingesetzt wurde. Aber noch vor dem 11. September 2001 begannen im Jahre 2000 erste Tests mit einer bewaffneten Drohne.

Im Februar 2001 feuerte diese Drohne zum ersten Mal: Die MQ-1 Predator war geboren. Ihre Waffe: die AGM-114 Hellfire, eine Luft-Boden-Rakete mit einem neun Kilo schweren Gefechtskopf und einem tödlichen Radius von bis zu 20 Metern. Am 16. November 2001 erzielte eine Predator ihren ersten „kill“: Mohammed Atef, führender Kopf der ägyptischen Terrororganisation Al-Dschihad und hochrangiges Al-Kaida-Mitglied, wurde mitten im von Taliban kontrollierten Kabul von einer Hellfire getötet.

Seither hat die Drohnentechnologie eine rasante Entwicklung durchgemacht.
Technisch möglich ist inzwischen viel, was vor ein paar Jahren noch undenkbar erschien. Aber kann der Mensch mit dieser Entwicklung noch Schritt halten? Ein Beispiel ist die Befehlskette in der US Air Force, die zu einem Drohnenschlag führt, wie Brandon Bryant beschreibt:

Alles, was die Öffentlichkeit in den Nachrichten mitbekommt, ist, dass soundso viele Menschen bei einem Drohnenangriff getötet wurden. […] Sie verstehen nicht die Tötungskette und sie verstehen nicht die Auswirkung auf den Bediener, sie verstehen nicht, was hinter den Kulissen passiert.
Brandon Bryant

Das, was hinter den Kulissen passiert, beschreibt Brandon Bryant detailliert so:

„Man sitzt da für Tage, Wochen, Monate und beobachtet ein Ziel. Das bedeutet, man sieht alles, zum Beispiel, wie die Leute mit ihrer Familie und ihren Freunden interagieren, wie sie in ihre Lieblingscafés gehen und mit ihren Kindern spielen. Man sieht Kinder Fußball auf dem Feld spielen. Man sieht: Es sind Menschen wie wir. Aber die Führungskräfte sehen das alles nicht. Sie sehen nur ein Blatt Papier, auf dem steht: ‚Oh, dieser Typ ist einer von den Bösen‘, unterzeichnen es und sagen, ‚hey, ihr könnt sie abschießen‘, und dann geben sie das Papier an jemand anderes weiter. Die Entkopplung erfolgt nicht zwischen den Drohnenteams und ihren Zielpersonen, sondern zwischen dem Führungspersonal, das die Entscheidungsbefugnis für einen Angriff hat, und den Zielpersonen.“

Diese Zielpersonen aufzuspüren und zu töten wird für die Militärs zunehmend leichter – gerade wegen der technischen Entwicklung, die seit über 14 Jahren immer weiter verfeinert wird.

Bigger and badder – Von der Predator zur Reaper

Schon bald nach den ersten Einsätzen in Afghanistan wuchsen die Anforderungen des US-Militärs an die Leistungsfähigkeit der Kampfdrohnen. Die zuerst entwickelte MQ-1 Predator war zu klein, zu langsam, flog nicht hoch genug und konnte nur zwei Hellfire-Raketen tragen. Das Ergebnis ihrer Weiterentwicklung war die MQ-9 Reaper.

 

Die Reaper

Die zuerst im Irak eingesetzte Drohne ist wesentlich größer und schubstärker, fliegt fast doppelt so hoch und mehr als doppelt so schnell wie die Predator und hat einen mehr als vier Mal so großen Einsatzradius. Die MQ-9 kann bis zu vier Hellfire-Raketen und dazu noch zwei Lenkbomben mitführen – entweder so genannte JDAM, die über ein GPS-Signal gelenkt werden, oder die GBU-12 Paveway II, für die das Ziel mit einem Laser markiert werden muss. Einzig die maximale Flugdauer der Drohne liegt mit 30 Stunden gut ein Viertel unter der der Predator.

 

Brandon Bryant sieht bei der Drohnentechnologie dabei an sich nichts Verwerfliches – es kommt seiner Meinung nach auf ihren Einsatz an:

Und wenn Leute sagen, man solle keine Drohnen im Krieg einsetzen, dann sollten sie es mal von einer anderen Seite betrachten: Soll man lieber Soldaten hinschicken, um zu sterben?
Brandon Bryant

Eine Sichtweise, die auch unter Politikern und Militärs eine Rolle spielt – vielleicht nicht in erster Linie aus humanistischen Gründen, sondern eher aus politischem oder strategischem Kalkül. Und es geht um Kosten: Der Einsatz von Kampfdrohnen ist – gemessen an Anschaffung, Ausbildung, Unterhalt, Wartung und Verbrauch – deutlich billiger als wenn Piloten in der Maschine sitzen müssen. Und die Drohnen können immer mehr, werden immer ausgefeilter. Zum Beispiel die Reaper, die seit 2001 immer weiter entwickelt wird.

Meet the Reaper

Der größte Vorteil der Reaper ist ihr enorm vergrößerter Einsatzbereich. Beim Einsatz der Predator war und ist es stets nötig, Start- und Landeplatz der Drohne mit einigen hundert Kilometern vergleichsweise nahe ans Einsatzgebiet zu verlegen. Dabei finden Start und Landung von einer Bodenmannschaft auf Sicht statt. Ist die Drohne in der Luft, wird sie an die Fluglenkung übergeben, die in den ersten Jahren bis circa 2011 ebenfalls in der Nähe des Einsatzgebietes stand und aus den auch aus Filmen bekannten luftverladbaren khakifarbenen Containern erfolgte.

zahlDrohnen

Die Reaper, also die Drohne, die auch Brandon Bryant gesteuert hatte, kann hingegen tausend Kilometer vom Einsatzort entfernt in einem ganz anderen Land starten, zum Zielgebiet fliegen, dieses stundenlang überwachen und nach erfolgreicher Mission den Heimweg antreten. Notfalls kann sie mit ein paar Tankstopps sogar aus den USA ins Einsatzgebiet geflogen werden. Gesteuert wird sie über eine weltumspannende Satellitenverbindung direkt aus den USA, wo es inzwischen mehrere Dutzend Zentren für Drohnensteuerung gibt.

 

Tod durch „Hellfire“ – Eine Waffe aus dem Kalten Krieg

Der Tod aus der Luft kommt unhörbar, schnell und mit großer Wucht. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst bekam Brandon Bryant von der Air Force einen Nachweis ausgehändigt: An über 1200 gezielten Tötungen sei er in den knapp sechs Jahren beteiligt gewesen. Und er beteuert im ZDF-Interview: Seine Einheit habe alles getan, um zivile Opfer zu vermeiden.

Hauptwaffe sowohl der Predator als auch der Reaper ist die Luft-Boden-Rakete AGM-114 Hellfire.

Die Allzweckwaffe

Die Waffe stammt aus dem Kalten Krieg und wurde ab 1984 bei den US-Streitkräften eingesetzt. Sie sollte ursprünglich mit einem panzerbrechenden Gefechtskopf von verschiedenen Helikoptern aus die Panzer-Formationen des Warschauer Pakts in strategisch problematischen Gebieten wie bei Fulda oder anderen Intensiv-Kriegsschauplätzen stoppen. Weiterentwicklungen machten aus der Anti-Panzer-Rakete jedoch eine Allzweckwaffe mit verheerender Wirkung. Die erste Hellfire-Variante besaß als Gefechtskopf eine Ladung aus Kupfer und hochexplosivem Sprengstoff (High Explosive Anti Tank oder HEAT). Das Kupfer bildete bei der Explosion einen zielgerichteten Strahl kleiner Metallteile und konnte sowohl Panzerungen als auch Hauswände durchschlagen. In weiteren Varianten erhielt die Rakete einen Splittersprengkopf zur Bekämpfung von ungeschützten Objekten und einen so genannten thermobarischen Sprengkopf. Dabei wurde der Sprengkopf mit einer Schicht aus Aluminiumpulver umgeben, was bei der Explosion zu einem enormen Feuerball führt und die Druckwelle erheblich verstärkt. Diese Variante wurde häufig in Afghanistan eingesetzt. Neuere Varianten der Hellfire benutzen auch Kombinationssprengköpfe, die mehrere dieser Wirkungsarten vereinen. Seit der Produktion der ersten Hellfire-Rakete mit der Bezeichnung AGM-114A ist man inzwischen bei der Variante AGM-114R angekommen. Sie besitzt einen neun Kilo schweren Mehrzwecksprengkopf mit panzerbrechender, splitter- und thermobarischer Wirkung und ist für alle Ziele geeignet. Noch während des Fluges kann der Operator je nach Lage im Ziel die jeweils bevorzugte Wirkungsweise einstellen. Zudem hat der Sprengkopf eine „air burst mode“ genannte Vorrichtung, mit deren Hilfe er mehrere Meter über dem Boden explodieren kann, um so die Zerstörungswirkung durch Druckwelle, Splitter und Feuerball noch zu verstärken. Die Rakete muss auch nicht mehr auf das Ziel gerichtet abgefeuert werden, sondern kann nach dem Start aus einer 180-Grad-Wende das Ziel auffassen.

Damit die Hellfire ihr Ziel findet, braucht es Menschen wie Brandon Bryant, die von der abfeuernden Drohne aus einen Laserstrahl auf das Ziel richten. Dessen Reflexionen benutzt der Suchkopf der Rakete dazu, sich ins Ziel zu lenken. Die Rakete selbst steuert sich automatisch, lediglich der Ziellaser muss durch einen Operator nachgeführt werden. Genannt wird dies ein halbaktives Laserzielsystem. Weiterentwicklungen der Hellfire verwenden allerdings auch halbaktive Radarzielsuchverfahren bis hin zu einem vollaktiven Radarsuchkopf, der sich selbsttätig lenkt, sobald er das Ziel einmal aufgefasst hat.

Zu den Aufgaben der Drohnenteams zählt auch die so genannte Schadensfeststellung, zu deutsch das Zählen der Leichen. Doch die enorme Sprengkraft der Hellfire macht es zum Teil schwierig, die Leichenteile einer Person zuzuordnen. Mit ein Grund dafür, dass es kaum verlässliche Zahlen für die Opfer von Drohnenangriffen gibt, sondern nur Schätzungen:

zahlTote

Welcher Sprengkopf am Ende auch eingesetzt wird: Die Opfer von Drohnenangriffen bekommen nicht mit, wie sie getötet wurden. Denn eine Hellfire fliegt mit Mach 1,1 – also etwas über Schallgeschwindigkeit. Wer sie hören kann, hat den Angriff somit überlebt.

Allsehende Augen

In den Jahren 1946 bis 1948 schrieb ein gewisser Eric Arthur Blair, damals Mitte 40, an einem Roman. Es war sein zehntes Werk und sollte später als die wohl bekannteste düstere Zukunftsvision eines Überwachungsstaates überhaupt gelten. Der Titel des Buchs: „Nineteen Eigthy-Four“. Das Pseudonym, unter dem Blair schrieb: George Orwell.

Man konnte natürlich nie wissen, ob man im Augenblick gerade beobachtet wurde oder nicht. […] Man mußte folglich in der Annahme leben – und tat dies auch aus Gewohnheit, die einem zum Instinkt wurde -, daß jedes Geräusch, das man verursachte, gehört, und, außer bei Dunkelheit, jede Bewegung beäugt wurde.
George Orwell, '1984'

In Ländern wie Pakistan ist Orwells Dystopie längst Alltag gewordene Realität. Nur mit dem Unterschied, dass die Drohnenteams zwar nichts hören, dafür aber auch bei Dunkelheit sehen können.

Die Kamera, die wir am häufigsten eingesetzt haben, war eine Infrarot-Kamera, die Wärmequellen nach Intensität angezeigt hat. Und ich habe in diesen Wärmebildern geträumt.
Brandon Bryant

Die schiere Masse an Daten und die hohe Zahl zu überwachender Objekte stellt dabei längst kein großes Problem mehr dar.

Während Kampf- und Überwachungsdrohnen in den Anfangsjahren die Überwachung des Schlachtfelds und die Informationslage über den Gegner für die eingesetzten Bodentruppen revolutionierten, hatten sie doch eine ganz entscheidende Schwäche: Sie konnten einen einzelnen Gegner oder eine kleine Gruppe mit starken Optiken verfolgen und bekämpfen, verloren aber das große Ganze aus dem Blick. Es war, als ob man das Schlachtfeld durch einen, wenn auch hochauflösenden, Strohhalm betrachtete. Andere gegnerische Gruppen als die gerade verfolgte und beobachtete konnten sich ungesehen verstecken und neue Hinterhalte aufbauen.

Dies änderte sich grundlegend mit der schrittweisen Einführung eines neuen Beobachtungssystems für die Reaper-Drohnen ab 2011: „Gorgon Stare“, der Blick der Gorgonen, erweiterte das Sichtfeld der Drohnen in einem Maße, das den namentlichen Rückgriff auf drei der finstersten Wesen der griechischen Mythologie durchaus rechtfertigte: Homer beschrieb sie als Wesen mit Schlangenhaaren, deren Blicke Menschen zu Stein erstarren lassen. Die heute wohl bekannteste von ihnen ist Medusa.

Den Kameras entgeht nichts
Neun Kameras an Bord der Reaper beobachten gleichzeitig ein Gebiet von 16 Quadratkilometern aus verschiedenen Blickwinkeln, was dreidimensionale Bilder ergibt und es möglich macht, neun Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Vor allem „Squirter“, wie im Militärjargon in verschiedene Richtungen flüchtende Kombattanten genannt werden, können seitdem separat und simultan verfolgt werden.

Die zweite und derzeit laufende Ausbauphase des Beobachtungssystems der Reaper-Drohnen trägt den namen ARGUS-IS. Das System ist benannt nach dem mythologischen hundertäugigen Riesen, der in alle Richtungen zugleich schauen konnte, während zu jeder Zeit nur ein Augenpaar schlief. ARGUS besteht aus 368 konventionellen Fünf-Megapixel-Kameras, die gleichzeitig ein Gebiet von etwa 100 Quadratkilometern erfassen können. Sie nehmen Bewegtbilder mit einer sehr niedrigen Bildrate auf, können dafür aber unabhängig voneinander 368 verschiedene Ziele verfolgen. Ein blickloses Starren aus hunderten von Augen, denen, über einer Stadt schwebend, keine Bewegung entgeht.

Das Netz der Netze – Digitale Revolution auf dem Schlachtfeld

Die ungeheuren Datenmengen, die die Drohnen, ihre Steuerungs-, Beobachtungs – und ihre Zielelektronik erzeugen, stellten militärische Ingenieure vor ganz neue Probleme. Die Bandbreiten der 14 militärischen Kommunikationssatelliten des „Defense Satellite Communications System“ (DSCS) lagen schon Mitte der 2000er-Jahre im Bereich von 100 Mbit/s pro Satellit und mehr. Was für militärische Datenkommunikation ausreichend war, war aber für die von Drohnen zu erwartenden Datenmassen, vor allem in Form von Videobildern, viel zu gering.

Ungeheure Datenmassen

Die Antwort auf dieses Problem stellen die bislang sieben aktiven Satelliten des Wideband Global Satcom-Systems (WGS) dar, die ab 2008 in geostationären Umlaufbahnen platziert wurden. Jeder einzelne rund sechs Tonnen schwere Satellit hat eine Bandbreite von 3,6 Gbit/s und übertrifft damit das gesamte DSCS-System bei weitem. Die Satelliten Nummer acht und neun, die 2016 und 2017 starten sollen, werden eine nochmals um 30 Prozent gesteigerte Bandbreite haben. Zum Vergleich: Ein Fernsehsignal in HD-Qualität benötigt ungefähr 10 Mbit/s an Bandbreite. Die WGS-Satelliten sind jedoch nicht die einzigen, über die der Datenverkehr mit und von den Kampfdrohnen läuft. Wenigstens zwei Dutzend weitere militärische Hochleistungssatelliten wickeln in geostationären Orbits Funk- und Datenverkehr ab.

Ergänzt wird das WGS-Breitband-Satelliten-System von einem ultraschnellen Glasfasernetz am Boden, das globale Übertragungsgeschwindigkeiten von vielen Gbit/s ermöglicht. Das „Defense Information Systems Network“ (DISN) wird von einer US-Behörde aufgebaut und administriert, die 6000 Angestellte hat. Zusammen bilden DISN und das WGS-Satelliten-Netzwerk das Global Information Grid, ein militärisches Daten-  und Kommunikationsnetz, das inzwischen bis hinunter auf Kompanieebene alle militärischen Kommunikations- und Datengeräte einbindet. Was eine der Stellen im Netzwerk sieht, sehen sofort alle anderen auf der ganzen Welt auch.

Die Technik, die den Soldaten dabei hilft, von den USA aus Einsätze in aller Welt zu fliegen, belastet sie gleichzeitig. Denn noch immer sind zahlreiche Soldaten in den Einsatzländern stationiert und verrichten dort – getrennt von Familien und Freunden – jeden Tag unter Lebensgefahr ihren Dienst.

Deine Familie freut sich, dass du abends nach Hause kommst. Aber du selbst denkst an die Soldaten im Ausland, die nicht nach Hause können.
Brandon Bryant

Ohne Ramstein geht nichts

Einer der wichtigsten Knotenpunkte im Drohnen-Netz ist die US-Airbase in Ramstein. Material, das dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel und The Intercept  vorliegt, legt sogar den Schluss nahe, dass Ramstein der Netzknotenpunkt für alle Kampfdrohnen-Operationen in Irak, Pakistan, Afghanistan, Jemen und Somalia ist. Stimmen diese Informationen über die Architektur des Systems, dann wäre ohne Ramstein ein Drohnenkrieg in den vorgenannten Ländern derzeit kaum denkbar. Dies bestätigt auch Brandon Bryant: „Ohne Deutschland wäre der ganze Drohnenkrieg nicht möglich.“

Schneller als über Satellit

Dem Material zufolge besteht eine Hochgeschwindigkeits-Datenverbindung über Glasfaser zwischen Ramstein und der Creech Air Force Base. Die Luftwaffenbasis bei Las Vegas wurde seit 2007 zu einem riesigen Komplex für die Drohnensteuerung weltweit ausgebaut. Alle Verbindungen von zehn weiteren US-amerikanischen Air Bases, die Kampfdrohnen steuern, laufen auf der Creech Air Base zusammen. Von dort werden die Daten demnach über ein 10.000 Kilometer langes unterseeisches Glasfaserkabel nach Ramstein übermittelt.

Auf der rheinland-pfälzischen Air Base haben die USA in den vergangenen Jahren eine riesige Satelliten-Farm aufgebaut. Ein Dutzend großer weißer Kuppeln schirmt dort jene Antennen ab, von denen das Signal dann auf die Satelliten des WGS-Systems gehen soll, die wiederum den Kontakt zu den Drohnen in den Einsatzgebieten halten.

Vergleich eines Ausschnitts der US Air Base Ramstein 2010 (grünlich) und 2015 (rötlich) – Schieber bewegen, um die Veränderung zu sehen

Der Vorteil dieser Netzarchitektur ist offensichtlich: Die zentralisierte Steuerung aus den USA bedingt notwendig eine möglichst kurze und damit schnelle Verbindung zu den auf der anderen Seite der Erde operierenden Drohnen.

signalwege

Ginge das Signal direkt von Creech auf einen Satelliten, müsste es über mindestens einen weiteren zu dem WGS-Satelliten über dem Zielgebiet weitergereicht werden. Dies bedeutete einen um mehr als 110.000 Kilometer längeren Signalweg durch das Weltall im Vergleich zum erdgebundenen Glasfaserkabel.

 

Problem Zeitverzögerung

Die Latenzzeit des Systems läge bei einem Umweg über mehrere Satelliten bei bis zu zwei Sekunden. Eine sinnvolle Steuerung, die Erfassung und Verfolgung eines Zieles wären bei dieser Zeitverzögerung unmöglich. Anders ausgedrückt: Fiele Ramstein in der beschriebenen Funktion aus, käme der US-amerikanische Drohnenkrieg sofort fast vollständig zum Stillstand. Um überhaupt weiter Drohnen einsetzen zu können, müssten die USA wieder auf die Steuerung aus mobilen Containerdörfern in der Nähe der Einsatzgebiete zurückgreifen. Dies aber scheiterte schon an der schieren Menge der benötigten Infrastruktur.

Derzeit unterhalten die USA nach Angaben an den US-Kongress 65 so genannte Orbits. Jedes Orbit besteht aus vier Drohnen vom Typ MQ-1 oder MQ-9, sodass eine Rund-um-die-Uhr-Abdeckung eines Gebiets oder Orbits gewährleistet ist.

Weltweit unterhalten die USA diverse Operationszentren für ihre Drohnen – die meisten davon in den USA (zur Steuerung) und in Afrika sowie im Nahen Osten (für Starts und Landungen). Die bekannten Standorte haben wir hier auf einer Weltkarte markiert:

Die Personalanforderungen für das Drohnensystem sind erheblich: Für Betrieb, Wartung und Steuerung einer Drohne sowie die Datenauswertung werden nach Angaben der US Air Force 168 Mann benötigt. Das macht bei 65 aktiven Orbits a vier Drohnen fast 44.000 Mann, die derzeit nur für den Drohnenkrieg zuständig sind.

Brandon Bryant ist keiner mehr von ihnen. Er stieg aus, nachdem er über seinen Job nachgedacht hatte.

Ich kam eines Tages zum Dienst und dachte, ‚yeah, heute töten wir die Motherfucker. Ich kann es kaum erwarten.‘ […] Das hat mich erschreckt, weil ich vorher nie so gefühlt hatte. Ich wusste, ich muss da raus.
Brandon Bryant

Autonome Drohnenschwärme – Die Zukunft

Bryant dürften mehr und mehr Aussteiger folgen, darauf setzen die Veterans for Peace („Veteranen für den Frieden“) mit ihrer Werbekampagne. 45 ehemalige Militärs haben im Frühjahr in einem offenen Brief an aktive Drohnenpiloten in den Airbases Creech und Beale (Kalifornien) dazu aufgerufen, nicht mehr zu fliegen. Der Slogan: „Refuse to Fly.“ Zusätzlich wurden bei lokalen TV-Sendern Werbespots mit der gleichen Botschaft geschaltet:

Die Gegner der Drohneneinsätze sind der Ansicht, dass mit den Angriffen internationales Recht verletzt wird. Auch Brandon Bryant ist dieser Meinung:

Ohne Transparenz und ohne dass die Verantwortlichen sich an die Genfer Konventionen halten, und an all das, was wir geschaffen haben, damit die Macht nicht missbraucht wird, wird es [das Drohnenprogramm] ein Misserfolg sein und auch bleiben.
Brandon Bryant

Dabei kommt die Kampagne von www.knowdrones.com den US-Militärs zur Unzeit: Einem Bericht der New York Times vom 16. Juni 2015 zufolge hat die Air Force ihre überwachten Gebiete von 65 auf 60 reduziert, weil ausgebildete Piloten fehlen. Und schon im April 2014 gab es mehr Piloten, die den Dienst quittierten, als neue ausgebildet werden konnten, so das Government Accountability Office (vergleichbar mit dem Rechnungshof) in einer Antwort an den Kongress. Aber vielleicht braucht man in Zukunft ja gar nicht mehr so viel Personal.

Während die USA nämlich mit Hochdruck an der Erweiterung der Übertragungskapazität von Drohnendaten arbeiten und die Überwachungsmechanismen ständig verfeinern, steht schon die nächste und übernächste Generation der Drohnen in den Startlöchern. Dazu gehören nicht mehr nur die Kampfdrohnen vom Typ MQ-1 oder MQ-9. Für jeden Einsatzradius und für jedes Ziel sollen Drohnen jeder Größe bis hin zu Nano-Drohnen entwickelt werden, die nicht größer als eine Biene sind. Sie können sich auf einer Dachrinne niedersetzen und notfalls tagelang darauf warten, dass ihr Ziel das Haus verlässt, um sich dann mit einer Kleinstsprengladung auf es zu stürzen.

Mit der präsidentiellen Direktive Nr. 3000.09 hat US-Präsident Barack Obama 2012 das US-Verteidigungsministerium angewiesen, autonome und halbautonome unbemannte Waffensysteme zu entwickeln, die selbstständig „tödliche oder nicht-tödliche kinetische Gewalt ausüben“ können. In anderen Worten: Das US-Verteidigungsministerium soll Drohnensysteme entwickeln, die selbstständig innerhalb vorgegebener Grenzen Ziele auswählen und diese entweder auf Einzelfreigabe oder vollautomatisch bekämpfen können.

Auch die nächste Stufe der Autonomie dieser Waffensysteme befindet sich bereits in der Entwicklung. Mit der Vernetzung der einzelnen autonomen Drohnen untereinander und der Vernetzung der Kommando- und Aufklärungselemente andererseits ist der Weg frei für autonome und sich selbst organisierende Drohnenschwärme, die permanent von der Luft aus den Boden und die Menschen überwachen können. Ein solcher Einsatz von Drohnen ist für den Insider Brandon Bryant nicht akzeptabel:

Wenn einen immer jemand beobachtet, wird man sich seiner Handlungen bewusst. Das macht die guten Menschen kein Stück besser, es macht nur alle paranoid. Darum sollten Drohnen nicht im eigenen Land fliegen.
Brandon Bryant

Mit den Drohnen verhält es sich so wie bei allen militärischen Waffen, die der Mensch erfunden hat: Ihre Vor- und Nachteile müssen diskutiert werden, auch in der Öffentlichkeit, und ihr Einsatz muss in klaren Grenzen definiert werden – das ist die Aufgabe der Politik.