8. Mai 1945

Zeitzeugen berichten über den Tag der Befreiung

Der Tag, der Kriegsende und Befreiung markiert

Vier Zeitzeugen erzählen, wie sie das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben: Günter Lucks kämpfte in Hitlers letztem Aufgebot, Wiktor Sosow leistete Zwangsarbeit in Hessen, Ernst Bittcher erlebte, wie die Rote Armee den Reichstag eroberte und Ursula Ziebarth schildert den Alltag der Berliner im Kampf um die Hauptstadt.

Vier sehr unterschiedliche und sehr persönliche Geschichten zu einem Ereignis: 70 Jahre Kriegsende. Ein Webspecial des ZDF-Morgenmagazins:

 

Das letzte Aufgebot — Günter Lucks

Nazi war ich nicht, obwohl Hitlerjunge schon, wir haben ja auch nichts anderes gekannt außer Hitlerjugend und Führergehorsam
Günter Lucks, Hitlerjunge im Volkssturm

Günter Lucks, 87 Jahre, geboren in Hamburg, verlor bei der „Operation Gomorrha“, den alliierten Luftangriffen auf die Hansestadt, seinen Bruder. Im Alter von 16 Jahren meldet sich Lucks aus Pflichtgefühl wenige Monate vor Kriegsende zum Volkssturm – auch aus Opposition zum kommunistischen Elternhaus. Der Hitlerjunge will unbedingt noch für Führer und Vaterland in den Krieg ziehen. Die NSDAP hat im Oktober 1944 alle Männer zwischen 16 und 60 zur Waffe gerufen.

MoMa Zeitzeuge Lucks IT,Video Mixdown,9Günter Lucks als junger Soldat

 

Ende 1944 wird Lucks in einem Schnelllehrgang der Wehrmacht militärisch ausgebildet. Nach der Ausbildung an der Waffe werden alle Jugendlichen seiner Gruppe der berüchtigten Waffen-SS zugeteilt. Im April zieht sein Bataillon an die Front nördlich von Wien, um die Rote Armee zu stoppen.

Eine Woche vor Kriegsende wird Lucks bei einem Granatenangriff schwer verletzt. Die Kapitulation Deutschlands erlebt er in einem Lazarettzug, eingekesselt zwischen Russen und US-Amerikanern. Als Angehöriger der Waffen-SS kommt er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Fünf Jahre später kehrt er in seine zerstörte Heimatstadt Hamburg zurück.

Ein Junge läuft durch die Trümmer und Hausruinen im zerstörten Hamburg

 

Zusammen mit dem Journalisten Harald Stutte schreibt Lucks zwei Bücher: „Ich war Hitlers letztes Aufgebot“ und „Hitlers vergessene Kinderarmee“. Der Rentner ist heute gefragter Zeitzeuge in Schulen. Seine Botschaft an die Jugend: Lasst euch von keiner Ideologie verführen! Die direkte Gefahr eines neuen Krieges in Europa sieht er aber nicht. Günter Lucks lebt heute mit seiner Ehefrau in Hamburg-Horn.

 

Zwangsarbeit in Deutschland — Wiktor Sosow

Wir müssen weiter an der Erinnerung arbeiten und sagen, was passiert ist, damit die Leute das Leiden des Krieges nicht vergessen.
Wiktor Sosow, Ukrainischer Zwangsarbeiter

Wiktor Sosow, 82 Jahre, geboren in Kiew. Die Wehrmacht besetzt im Herbst 1941 seine Heimatstadt. Als Kind erlebt Wiktor Hunger und Armut und sieht, wie Deutsche Juden verfolgen und töten. Er wird Zeuge der Vernichtungsaktion von Babij Jar. Am Stadtrand errichten SS und Wehrmacht ein Lager, in dem sie in wenigen Tagen mehr als 30.000 Juden versammeln, um sie dort zu erschießen.

Im Alter von zehn Jahren wird er mit seiner Mutter bei einer Razzia verhaftet und zur Zwangsarbeit verschleppt. Nach einer längeren Odyssee kommen Mutter und Sohn ins hessische Frielendorf. Sie haben Glück, sie müssen nicht – wie die meisten Zwangsarbeiter – unter mörderischen Bedingungen in Fabriken oder Lagern leiden, sie arbeiten auf einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb.

In Frielendorf erlebt Wiktor auch das Kriegsende am 8. Mai.

Im Sommer 1945 kehrt Wiktor Sosow mit seiner Mutter nach Kiew zurück. Dort sind sie für die Kommunisten nicht Opfer, sondern Verräter. Den Zwangsarbeitern wird unterstellt, sie hätten mit den Deutschen kooperiert. Das Regime verwehrt ihm deshalb ein Studium, Wiktor muss als Elektromonteur arbeiten. Später ist er in der Kohleindustrie tätig.

Erst als Rentner hält er seine bedrückenden Kriegserlebnisse in Zeichnungen fest.

Über seine Erfahrungen im Nationalsozialismus berichtet Sosow für die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ). Im aktuellen Ukraine-Konflikt sieht er eine Gefahr für den Frieden in Europa.

Heute lebt Wiktor Sosow mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn in Kiew.

 

Kampf um den Reichstag — Ernst Bittcher

Ich lief am Nachmittag des 30. April 1945 dreimal über den Platz vor dem Reichstag. Ohne gefährliches Scharfschützenfeuer erreichte ich mein Ziel.
Ernst Bittcher, Flakhelfer

Ernst Bittcher ist Flakhelfer und 16 Jahre alt, als er am 30. April 1945 beim Kampf um den Reichstag zwischen die Fronten gerät. Just an jenem Nachmittag, als sich Hitler das Leben nimmt. Bittcher ist im Keller des Reichstags stationiert. Dort erlebt er mit, wie die Rote Armee den Reichstag einnimmt und symbolträchtig die rote Flagge hisst.

Die blutige Schlacht um den Reichstag, „bis zum letzten Mann“, die später oft beschrieben wird, habe es in jenem Ausmaß nicht gegeben, berichtet Bittcher. Stattdessen sei die Strategie der Roten Armee gewesen, hier Menschenleben zu schonen.

Der sowjetische Soldat Militon Kantarija hisst die Flagge der Sowjetunion auf dem Reichstag

 

Ernst Bittcher schlägt sich die kommenden Stunden im und um den Tiergarten von Berlin durch – am 2. Mai gerät er am Schloss Bellevue in sowjetische Gefangenschaft.

Ernst Bittcher bleibt bis Ende August 1945 in Kriegsgefangenschaft. Später macht er eine Lehre zum Orgelbauer.

 

Alltag unter Bomben — Ursula Ziebarth

Ich habe schon an Befreiung gedacht – also, dass es Gott sei Dank vorüber ist. Aber meine Mutter war tot, meine Großmutter – da war mir nicht so nach Befreiung.
Ursula Ziebarth, Schriftstellerin

Ursula Ziebarth, 93 Jahre, geboren in Berlin. Sie erlebt den Kampf um die Hauptstadt.  Im Frühjahr 1945 wird das Haus der Ziebarths von einer Bombe getroffen.

Ursula sitzt zum Zeitpunkt des Angriffs in einem Seminar in der Universität. Ihr Stiefvater überlebt unter besonderen Umständen: Er ist einer der wenigen Juden, die den Krieg in Berlin überstehen. Er hält sich in der Wohnung versteckt – bei Fliegeralarm jedoch kann er nicht in den Keller des Hauses, man hätte ihn dort erkannt. Deshalb flüchtet er in einen U-Bahn-Schacht. Dieser Umstand rettet ihm das Leben.

Mit weißen Tüchern signalisieren die Berliner die Kapitulation 1945

 

Beiden bleibt nach den Bomben fast nichts. Doch die Trümmer müssen weggeräumt werden. Vor allem die Frauen verrichten diese Arbeit. Gleichzeitig sind sie immer in Gefahr, von Soldaten vergewaltigt zu werden. Ursula Ziebarth kommt einmal in eine solche Situation: Es ist der 8. Mai 1945.

Das Taschentuch des Soldaten hebt sie immer noch auf.

Ist der 8. Mai 1945 für sie ein Tag der Befreiung? „Ich habe schon an Befreiung gedacht – also, dass es Gott sei Dank vorüber ist. Aber meine Mutter war tot, meine Großmutter – da war mir nicht so nach Befreiung.“

Erst im Spätsommer beginnt für Ursula Ziebarth eine neue Zeit: In einem der ersten Konzerte der Berliner Philharmoniker – damals im Titania Palast.

Nach dem Krieg kümmert sich Ursula Ziebarth vor allem um ihren Stiefvater. Er wird später wieder heiraten und in Berlin bleiben. Auch sie bleibt in der Stadt – bis heute.

Sie hofft, dass es in Europa nie wieder Krieg geben wird.