Lili Jacob

Geschichte einer Auschwitz-Überlebenden

Ein Fotoalbum als Vermächtnis

1944, Ungarn

Die 18-jährige Lili Jacob ist Jüdin. Sie lebt mit ihrer Familie in der kleinen Gemeinde Bilky im besetzten Ungarn. Sie ist das älteste Kind der Familie und hat fünf jüngere Brüder: Moshe-Aron, Zisl, Moshe-Hersh, die Zwillinge Zril und Zeilek. Lilis Vater Martin ist Farmer, er handelt mit Pferden. Lili hat eine glückliche Kindheit. So etwas wie Antisemitismus hat sie in der Schule nie erlebt, obwohl schon seit 1920 antijüdische Gesetze in Ungarn gelten.

Die Auswirkungen dieser Gesetze spüren Lili und ihre Familie erst Anfang der 1940er Jahre: Lilis Vater darf nicht mehr arbeiten. Alle Juden müssen an ihrer Kleidung weiße Sterne tragen und dürfen nach 18 Uhr nicht mehr auf die Straße. Die Familie gerät in finanzielle Not. Deshalb geht Lili nach Budapest, um dort in einem Waisenhaus zu arbeiten und Geld nach Hause schicken zu können. Im Radio hört sie eine Rede von Adolf Hitler und bekommt es mit der Angst zu tun. Sie kehrt nach Bilky zurück, zu ihrer Familie. „Was auch immer mit ihnen passiert, das wird auch mit mir passieren“, denkt sie sich.

Im März 1944 wird Ungarn, inklusive annektierter Teilgebiete der Slowakei, Rumäniens und Jugoslawiens, von den deutschen Truppen erobert. Die ungarische Regierung funktioniert wie ein verlängerter Arm des NS-Regimes: Neben Einheiten der Wehrmacht und SS rücken rund 200 Männer unter der Leitung von Adolf Eichmann ein – damit beginnt die systematische Auslieferung und Vernichtung ungarischer Juden.

Die Deportation

Am 24. Mai 1944, dem letzten Tag des jüdischen Pessachfestes, klopfen Soldaten an die Tür der Familie Jacob – alle sollen sich beeilen, nur das mitnehmen, was sie tragen können, und zum Hof der großen Synagoge kommen. Anschließend werden alle Juden von Bilky ins Ghetto Berehovo in den nordöstlichen Karpaten geschickt – der Beginn einer langen, qualvollen Reise.

3.500 Menschen, darunter auch Lili, ihre Eltern, Geschwister und Großeltern, werden in Viehwaggons zusammengepfercht. Immer mehr Menschen werden in die Züge gezwängt, es ist kaum Luft zum Atmen da, alle müssen stehen. Die Reise ist furchtbar: Menschen sterben, Kinder weinen. Nicht ein einziges Mal dürfen sie aus dem Zug aussteigen, die Toten bleiben einfach im Waggon liegen. Auf dem Weg macht der Zug einen letzten Stopp in Krakau. Dort bekommen die Häftlinge Wasser. Nach zwei Tagen, am Morgen des 26. Mai, erreichen sie das Ziel: Auschwitz-Birkenau.

Innerhalb von 56 Tagen werden etwa 430.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert. Ein Ort des Schreckens, der auf die effiziente Ermordung tausender Menschen pro Tag angelegt ist.

In Auschwitz-Birkenau

Lili und ihre Familie versuchen zusammenzubleiben. Es herrschen Angst und Chaos. Als die Türen des Zuges geöffnet werden, gibt es endlich wieder frische Luft zum Atmen. Doch die Erleichterung ist nicht von Dauer. „Schnell raus aus dem Waggon“, werden sie von Soldaten angeschrien. An der Rampe stehen zwei SS-Männer mit einem Fotoapparat in der Hand – sie wollen die Ankunft der Juden aus Ungarn dokumentieren.

Lili hält sich an ihren Eltern, Großeltern und Geschwistern fest, hat Angst, von ihnen getrennt zu werden. Als die Selektion beginnt, müssen sich alle in zwei Reihen aufstellen – Männer und ältere Jungen in die eine Reihe, Frauen und kleine Kinder in die andere. SS-Ärzte und Lagerfunktionäre begutachten sie wie eine Ware. Lili steht mit ihrer Mutter in einer Reihe. Doch diese wird als arbeitsuntauglich aussortiert. „Ich werde euch bald wiedersehen“, ruft Lili ihrer Familie hinterher. Diese Worte wird sie in ihrem Leben immer wieder sagen – doch an diesem 26. Mai sieht sie ihre Eltern und Geschwister zum allerletzten Mal. Sie alle werden Auschwitz nicht überleben.

Der Weg in den Tod ist in Auschwitz-Birkenau perfide durchorganisiert: SS-Männer eskortieren die aussortierten Häftlinge zu den Gaskammern. Nachdem sie sich entkleidet haben, werden sie in die Gaskammern geführt. Die Türen werden von außen verriegelt, schließlich wird das Giftgas Zyklon B in den Raum geleitet.

Von den insgesamt 1,1 Millionen nach Auschwitz deportierten Juden werden 900.000 direkt in die Gaskammern geschickt, etwa 200.000 als arbeitstauglich selektiert, darunter auch Lili. Die Häftlinge, die Zwangsarbeit verrichten sollen, müssen ihr gesamtes Hab und Gut abgeben, werden geduscht und rasiert, bekommen Häftlingskleidung und eine Nummer eintätowiert. Lili erhält die Nummer A-10862 auf den linken Unterarm.

Diese Grausamkeit, der sie alle ausgesetzt waren, die Entmenschlichung, die sie durchgemacht haben – mit der Tätowierung, dem Entkleiden, dem Entfernen der Haare – sie wurden entmenschlicht.
Esther Kramer, Lilis Tochter

Als Lili zu einer Baracke gebracht wird, ist es bereits Abend. „Nichts als Dreck“, so beschreibt sie später im Interview mit der Shoah Foundation die Zustände im Lager. Es gibt kaum etwas zu essen, gerade genug, um zu überleben – und um immer mehr Gewicht zu verlieren. Die Kleidung besteht nur aus dem Nötigsten, nichts davon hält warm.

Lili Jacob mit anderen Häftlingen

Fortan ist der Tagesablauf für die Gefangenen genau organisiert: Zwischen vier und halb fünf Uhr müssen sie aufstehen, nach dem Appell geht es zur Arbeit. Es gibt kaum etwas zu essen. Wer den Befehlen der SS nicht gehorcht, wird geschlagen, im schlimmsten Fall getötet. Um sechs Uhr abends kommen sie zurück in ihre Unterkunft – ein langer und harter Arbeitstag für die geschwächten Menschen.

Lili Jacob ist mehr als fünf Monate in Auschwitz und wird dort als Arbeitskraft eingesetzt – wie Millionen andere Häftlinge auch. Das Lager ist riesig und jeder Abschnitt erfüllt einen bestimmten Zweck.

Im Dezember 1944 rückt die Rote Armee aus dem Osten immer näher. Tausende von Juden werden deshalb aus Auschwitz ins deutsche Reichsgebiet gen Westen deportiert. Lili kommt ins Arbeitslager für Frauen in Zillerthal in Südschlesien. Dort soll sie in der Rüstungsindustrie arbeiten. Am 27. Januar 1945 wird das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. Für Lili zu spät, sie ist bereits in Zillerthal, die Befreiung von Auschwitz durch russische Soldaten erlebt sie nicht.

Obwohl meine Mutter von ihrer Familie brutal getrennt wurde, hoffte sie doch, dass irgendjemand überlebt hatte. Sie wusste nie mit Sicherheit, ob nicht doch noch jemand lebt. Niemand hatte ihr gesagt, dass man ihre Familie in die Gaskammer hat gehen sehen. Es fehlte der definitive Beweis, dass alle tot waren.
Esther Kramer, Lilis Tochter

Einen Monat später evakuiert die SS die Frauenlager in Zillerthal. Die Gefangenen werden als Arbeitskräfte von Lager zu Lager weitergeschickt. Lili kommt mit einer Gruppe Häftlingen nach Morchenstern bei Görlitz. Dort bleibt sie bis März 1945. Sie arbeitet in Munitionsfabriken, wird unter anderem der Dynamit-Nobel-Verwert-Chemie Münchmühle zugeteilt. Dann wird sie in den letzten Kriegswochen in das Lager Mittelbau-Dora in Nordhausen zur Zwangsarbeit eingeliefert. Sie erhält die Häftlingsnummer 162. NS-Häftlingskategorie: Jüdin.

Die Befreiung

In Mittelbau-Dora erkrankt Lili an Typhus und wird auf eine Krankenstation gebracht. Ein paar Wochen später hört sie plötzlich Schreie. Alle rennen zu den Fenstern, um zu schauen, was der Grund für die Aufregung ist: Die Amerikaner kommen, um die Gefangenen zu befreien. Es ist der 9. April 1945. Die Häftlinge sind überwältigt, weinen vor Freude und rennen auf die Straße. Doch Lili ist zu schwach und unterernährt; sie verliert das Bewusstsein. Sie wird in eine verlassene SS-Baracke gebracht und bleibt dort eine Weile liegen. Als sie erwacht, zittert sie vor Kälte und sucht verzweifelt nach einer Decke oder warmer Kleidung.

Was Lili findet, ist ein Album, das so nie hätte existieren dürfen. Ein Album, das die Ankunft und Selektion ungarischer Juden im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zeigt. Es wird später den Titel „Auschwitz-Album“ tragen.

Horror in Bildern

Die Sammlung der Fotos im Auschwitz-Album ist ein einzigartiges fotografisches Zeugnis, das die Ankunft ungarischer Juden, die Selektion und den Weg bis zu den Vernichtungsanlagen dokumentiert. Das Album trägt den handschriftlichen, verharmlosenden Titel „Umsiedlung der Juden aus Ungarn“. Es ist 33 mal 25 Zentimeter groß, umfasst 56 Seiten und 193 Fotos, die thematisch geordnet sind. Einige der Originalaufnahmen fehlen. Wahrscheinlich jene, die Lili Überlebenden gab, die ihre Verwandten auf den Bildern erkannt hatten. Das Album wurde in den 1990er Jahren im Konservierungslabor in Yad Vashem auf Echtheit geprüft, restauriert und digitalisiert. Auffällig ist die hohe technische Qualität der Fotos – sie wurden sorgfältig geplant und ohne Eile geschossen, vermutlich an zwei unterschiedlichen Tagen im Mai 1944. Die Aufnahmen wurden von den SS-Männern Bernhard Walter und Ernst Hofmann gemacht. Sie hatten im sogenannten Erkennungsdienst in Block 26 von Auschwitz I die Aufgabe, Häftlinge für die Akten zu fotografieren und Fingerabdrücke zu nehmen. Insgesamt müssen die Fotografen viele Stunden an der Rampe zugebracht haben, sodass die Lagerkommandatur sicherlich von den Aufnahmen wusste. Der Zweck des Albums selbst ist nicht klar, es war nicht für Propagandazwecke gedacht. Möglicherweise wurde es für eine offizielle Behörde angelegt. Die meisten Menschen, die nach Auschwitz deportiert worden sind, tauchen nicht in schriftlichen Dokumenten, Zahlen oder Listen registrierter Häftlinge auf. In den Lagerdokumenten werden diese „arbeitsuntauglichen“ Frauen, Kinder und älteren Menschen schlichtweg nicht erwähnt. Das Album mit seinen handschriftlichen Anmerkungen ist deshalb der einzige Beweis dafür, dass sie nach Auschwitz gebracht wurden.

Als Lili das Album öffnet, erkennt sie auf dem ersten Bild den Rabbiner Zvi Weiss aus ihrer Heimatstadt Bilky. Sie blättert weiter und sieht ihre Familienmitglieder auf den Fotos. Kurz vor der Selektion, kurz vor ihrem Tod. Auf einem Foto findet Lili sogar sich selbst – mit kahl rasiertem Schädel, in erster Reihe stehend, für „arbeitstauglich“ befunden.

Bilder aus dem Auschwitz-Album

Lili kann kaum glauben, was sie da in den Händen hält. Sie realisiert, dass das Album den Transport dokumentiert, mit dem sie und ihre Familie nach Auschwitz gekommen waren. Ihr Transport war für diese Chronologie auserwählt worden. Ein Zufall außerhalb des Vorstellbaren. Sie fühlt sofort, dass dieses Album ein wertvoller Besitz für sie ist.

Purer Zufall, dass sie es fand. Und purer Zufall, dass auf der ersten Seite ein Foto des Rabbiners aus ihrem Heimatort klebte. Es ist verrückt, wie Menschen einander finden. Verteilt auf die ganzen Konzentrationslager. Aber es sollte sein; im Yiddischen sagt man “Bashert”: Wenn man jemanden trifft, einen Seelenverwandten, weiß man, es ist irgendwie gesegnet. Und es war wie ein Segen für sie, wie sie sagte. Das letzte Bindeglied zu ihrer Familie. Das Album hat ihr geholfen, mit allem fertig zu werden. Andere hatten ja nicht einmal das.
Esther Kramer, Lilis Tochter

Lili ist glücklich, befreit worden und am Leben zu sein. Die amerikanischen Soldaten wird sie für immer als gutherzige Menschen in Erinnerung behalten. Sie geben ihr Lebensmittel, damit sie wieder zu Kräften kommt. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit hofft sie, dass irgendjemand aus ihrer Familie noch lebt. Mit diesem Antrieb kehrt sie nach Hause, nach Bilky, zurück. Tag für Tag steht sie am Bahnhof, hofft und wartet. Nur wenige Menschen aus der Region kommen zurück. Nur wenige haben überhaupt überlebt.

Zurück nach Hause

Auch Max Zelmanovic, ein Freund von Lilis Vater, gehört zu den Überlebenden. Als Zwangsarbeiter unter den Deutschen musste er im Krieg Straßen bauen – war immer draußen, bei jedem Wetter. Seine Zehen sind durch Frostbeulen hart wie Steine geworden. Für Lili ein starker und guter Mann, der ihr sofort ein Gefühl der Sicherheit gibt und sich um sie kümmert. Er ist zehn Jahre älter als Lili und sie spürt durch ihn eine Art Bezug zu ihrer Familie. Sie verlieben sich ineinander und heiraten kurze Zeit später in der Tschechoslowakei. Doch im kriegsgebeutelten Europa fühlen sich die Zelmanovics nicht sicher. Max‘ Bruder war nach Israel ausgewandert und hatte Lili und Max gebeten, mitzukommen. Doch für Lili gibt es nur ein Ziel: Amerika. Sie will eine Amerikanerin sein und eine Freiheit erleben, die ihr bisher verwehrt geblieben ist.

Lili und Max ziehen in die Nähe von Prag, weil sich dort das Konsulat befindet, in dem sie die Papiere für ihre Auswanderung ausfüllen können. Etwa drei Jahre lang leben sie dort und versuchen, genügend Geld für die Auswanderung zusammenzukratzen. Immerhin geht es um eine Reise an die Ostküste der USA für drei Personen – denn Lili und Max bekommen 1946 eine Tochter. Sie wird nach Lilis Mutter benannt: Esther.

Lili, Esther und Max Zelmanovic (Quelle: privat)

Lili, Esther und Max Zelmanovic (Quelle: privat)

1948 erweist sich Lilis Album als Retter in der Not: Sie verkauft sechs Fotografien daraus an das Jüdische Museum in Prag. Das Museum bittet darum, das komplette Album zu bekommen – doch Lili bleibt standhaft. Das Album ist alles, was ihr von ihrer Familie geblieben ist.

Schließlich hat die junge Familie das nötige Geld beisammen, um Europa verlassen zu können. Die Überfahrt nach Amerika gestaltet sich allerdings abenteuerlich: Von Prag aus reisen sie nach Polen, von dort mit einem Schiff nach Schweden und schließlich nach New York, wo zwei von Lilis Tanten leben.

Neuanfang in Amerika

In New York bleiben Lili, Max und Esther lediglich einen Monat. Dann findet Lili heraus, dass der beste Freund ihres Mannes nach Miami gegangen ist, wo es warm und sonnig ist. Für Lili Grund genug, ebenfalls nach Florida umzusiedeln – sie möchte niemals wieder frieren. Nie wieder. Ende 1948 fangen die Zelmanovics in Miami, Florida, ein neues Leben an.

Lili beginnt in einem Hotel zu arbeiten, später dann als Kellnerin im Restaurant „The Famous“ in Miami Beach. Ihr Mann arbeitet als Metzger. Oft haben Lili und Max nachts Albträume. Tochter Esther hört, wie ihre Mutter im Schlaf schreit. Die Schrecken von Auschwitz lassen sie nicht los.

Queen for a Day

Lilis Tätowierung am Arm fällt auf. Die Menschen in ihrer Umgebung denken, die eingebrannte Auschwitz-Häftlingsnummer sei ihre Telefonnummer, die sie sich nicht merken könne. Lili fühlt sich dadurch minderwertig. Also meldet sie sich bei der TV-Show „Queen for a Day“ an. Hier berichten die Teilnehmer über ihr Leben und dürfen sich etwas wünschen – das Publikum entscheidet dann, welcher Wunsch erfüllt wird. Lili gewinnt die Show und lässt die Häftlingsnummer von ihrem Arm entfernen.

Dass Lili im Besitz des Auschwitz-Albums ist, spricht sich rasch herum. Mundpropaganda funktioniert gut unter den Holocaust-Überlebenden. Viele Menschen kommen in Lilis Haus und blättern durch das Fotoalbum. Wenn jemand einen Verwandten erkennt, nimmt Lili die Fotos aus dem Album und verschenkt diese.

1961 macht ein amerikanischer Journalist der Zeitschrift „Parade“ Lili ausfindig. Es ist die Zeit des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Lilis Geschichte und die des Albums gelangen so in die Öffentlichkeit. Auch während des Frankfurter Auschwitz-Prozesses 1963 findet das Album große öffentliche Beachtung. Lili ist 1964 als Zeugin geladen und soll dort einen NS-Offizier identifizieren. Auch das Album dient zu Beweiszwecken.

1977 stirbt Lilis Mann Max. Kaum ein Jahr später heiratet sie erneut, einen Deutschen. Eric Meier stammt aus Hannover und hat im Krieg ebenfalls seine ganze Familie verloren.

Frieden finden

Im Alter von 54 Jahren fliegt Lili nach Israel: Sie hat sich entschlossen, das Auschwitz-Album an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu übergeben. Dazu bewogen hat sie der Besuch von Serge Klarsfeld, einem bekannten „Nazijäger“. Dessen Vater war in Auschwitz umgekommen. Gemeinsam mit seiner Frau Beate besucht er Lili in Miami und überredet sie, das Album der Öffentlichkeit zu zeigen. Es müsse gezeigt und publiziert werden, so Klarsfeld. Lili willigt ein – und so wird ihr, aber auch ihrer Tochter Esther, eine große Verantwortung von den Schultern genommen. Am 26. August 1980 verschenkt sie das Album an Yad Vashem zur ewigen Aufbewahrung. Aus diesem Anlass gibt es einen Festakt in Jerusalem.

In ihrer Ansprache betont sie, dass sie das Album Yad Vashem übergebe, damit es dort ein ewiges Mahnmal sei – und aus der Erkenntnis heraus, dass es zuerst und vor allem dem jüdischen Volk gehöre. „Ich bin sehr erleichtert, dass diese Last von mir genommen wurde und dass das Album nun ständig in Yad Vashem ausgestellt wird“, sagt Lili. „Durch die Fotos in diesem Album – so hoffe ich – werden zukünftige Generationen von Juden mit ihren eigenen Augen das Leid und die Tapferkeit von sechs Millionen Opfern sehen.“ In ihrer Rede kündigt sie auch einen Besuch in Auschwitz an: „Ich hoffe, dass ich dieses schreckliche Kapitel meiner Familie und meines Volkes dann schließen kann – nicht, um zu vergessen, aber um Frieden zu finden.“

Auf dem Rückweg in die USA macht sie also einen Zwischenstopp in Auschwitz-Birkenau und besucht dort zum ersten Mal nach dem Krieg das staatliche Museum. Die Baracken sind immer noch da – Lili steht am Eingang und weint. Für sie schließt sich ein Kreis. Sie kehrt dorthin zurück, wo alles angefangen hat.

So wie Lili, die im Alter von 73 Jahren am 17. Dezember 1999 verstarb,  besuchen auch heute noch ca. 1,5 Millionen Menschen pro Jahr Auschwitz-Birkenau, um den Ort des unfassbaren Verbrechens zu sehen und die Erinnerung an die Opfer des Holocaust wachzuhalten.